Es beginnt fast immer mit einer kryptischen Nachricht vom Chef. „Wer ist online? Nizza“ zum Beispiel. Das war am 14. Juli um 23:08. Wer da online war, war noch lange wach. Journalist sein, heißt auch ständig in Bereitschaft sein. Besonders, wenn das Medium, dem man den Großteil seiner Zeit und seines Herzbluts schenkt, ein digitales ist. Kein Redaktionsschluss, keine örtliche Abhängigkeit. Veröffentlicht werden kann zu jeder Zeit, von jedem Ort.
Im Laufe des Jahres wurden die Fragen zu Ansagen. Nicht mehr „Wer legt einen Ticker an?“ „Wer kümmert sich um Facebook?“, sondern: „Ich mach Ticker.“ „Ich facebooke.“ Die Tragödie wurde zur Routine. Meistens saßen wir da auf unseren Sofas, nicht im Büro. Live zu tickern, das heißt nicht nur, die Arbeit mit nach Hause zu nehmen. Sondern auch, sich die Bilder von blutüberströmten Leichen, von überfahrenen Menschen und fassungslosen Angehörigen, die über die Nachrichtenagenturen und sozialen Medien kommen, ungefiltert ins Wohnzimmer zu holen. Wenn man in einer Nacht wie der von Nizza überhaupt zum Schlafen kommt, schläft man nicht gut.
Als „Kaleidoskop aus Kurzinformationen“ bezeichnete der deutsche Journalist Stefan Niggemeier Ticker in einem Artikel für die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Der verantwortliche Journalist sammelt die Fakten, wählt die vermeintlich richtigen Meldungen aus, entscheidet, ob etwas berichtenswert oder interessant genug ist, um den Leser zu informieren und bildet damit das Fundament des Tickers. Tweets verschiedenster Menschen - Augenzeugen, Politiker, Korrespondenten und lokaler Journalisten - sorgen für Persönlichkeit. Fotos, egal ob von Amateuren oder Profis, geben dem Ganzen ein Gesicht. Bildlich gesprochen will der Journalist mit einem Ticker ein fotorealistisches Bild à la Gottfried Helnwein malen, das Ergebnis gleicht jedoch eher einem impressionistischen Werk à la Claude Monet - man erkennt das Motiv, die Details sind verschwommen.