July 2nd, 2021
Sale Monumentali, Biblioteca Nazionale Marciana, Venice
Gottfried Helnwein - Quel silenzioso bagliore
Manfred Müller
Solo Exhibition - Catalogue

Vorwort

Das Wirken und Werk Gottfried Helnweins begleitet mich schon seit vielen Jahren.Bereits in den 1970er-Jahren wurde ich mit dem Schaffen des österreichischenAusnahmekünstlers konfrontiert. Seine Kunst polarisierte, stieß auf vielUnverständnis, gerade in meiner Elterngeneration, die das Dritte Reich noch erlebthatte.Gottfried Helnwein legte den Finger in Wunden, die noch lange nicht verheiltwaren. Ganz im Gegenteil. Gut 30 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegesübte man sich noch immer in kollektivem Schweigen. Ungeachtet politischerLippenbekenntnisse und medienwirksamer Aktionen wie Brandts Kniefall vonWarschau 1970 fand eine Auseinandersetzung mit den Gräueln der Nazi-Zeit seitensder Bevölkerung kaum statt. Viele vormalige NS-Größen - Industrielle, Mediziner,Juristen etc. - konnten unbehelligt ihr Leben weiterführen.Dieses Schweigen war Gottfried Helnwein schon immer unerträglich. Aufgewachsenim grauen Wien der Nachkriegszeit, für ihn ein absolut unwirtlicher, ja geradezubedrohlicher Ort, war er von Kindesbeinen an konfrontiert mit dem Umgang seinerMitmenschen mit dem Unrecht. Er wollte wissen, was in der jüngsten Vergangenheitvorgefallen war und was so viele hinter bürgerlichen Fassaden zu verbergensuchten. Etwa im Alter von sechs Jahren erfuhr er vom Holocaust. Er las viel undinformierte sich auf alternativen Wegen über das, was damals geschehen war, dennvon seinen Mitmenschen bekam er keine Antworten auf seine Fragen. Was er erfuhr,brannte sich tief in sein Gedächtnis ein und lässt ihn bis heute nicht mehr los. Erverfolgte die Kriegsverbrecherprozesse, las von Menschen, die mit ihren eigenenHänden KZ-Häftlinge zu Tode gefoltert hatten und dennoch freigesprochen wurden,für ihn eine Zäsur und die Erkenntnis, dass Gerechtigkeit in dieser Welt nichtexistiert.Viele Altersgenossen von Gottfried Helnwein führten über Jahre schier end- undmeist aussichtslose Diskussionen mit den Älteren darüber, wie es so weit hatkommen können. Nicht wenige Familien zerbrachen daran, andere resigniertenirgendwann und ließen die Sache auf sich bewenden.Nicht so Gottfried Helnwein. Er wollte und konnte die Dinge nicht auf sich beruhen lassen. In der Kunst fand er ein Ventil, um sich auszudrücken und die Dinge zu verarbeiten, die in beschäftigten. VonBeginn seiner künstlerischen Laufbahn an machte er sich den Kampf gegen die Kollektive Amnesie zur Aufgabe. In seinen Werken deckt er auf, lenkt den Blick auf schmerzvolle Themen, auf Leid, Grausamkeit, Unterdrückung, Tötung, Folter, die sich, wie er selbst sagt, wie ein roter Faden durch die Menschheitsgeschichte ziehen.Schon in seiner Zeit an der Akademie standen Kinder im Fokus seiner Bildwelt, dennKinder sind immer die größten Opfer bei kriegerischen Auseinandersetzungen. Siekönnen sich nicht wehren, sind auf unsere Rücksichtnahme und unseren Schutzangewiesen. Dies galt auch und vor allem für den Vietnamkrieg, mit dem sichHelnwein intensiv auseinandersetzte. Die Bilder von in Panik vor den Napalm-Bomben fliehenden Kindern haben sich wohl in das visuelle Gedächtnis eines jedenZeitgenossen eingebrannt. Doch Helnwein beschäftigte sich nicht nur mit dem Krieg,sondern auch mit anderen Abgründen der Menschheit wie dem Kindesmissbrauch,oft begangen von Menschen aus dem engsten Familienkreis der Betroffenen und bisin die jüngere Vergangenheit ein absolutes Tabuthema. Er studiertegerichtsmedizinische Fotos, wurde gewissermaßen zum Forscher derGrausamkeiten und übertrug das Gesehene auf die Leinwand.Helnwein merkte schnell, dass seine Bilder Wirkung auf die Menschen haben, mehrals er zunächst dachte. Seine Bilder von verwundeten oder entstellten Kindernerzeugten Trauer, Sprachlosigkeit, Wut, Aggressivität. Ausstellungen wurdenabgesagt oder abgebrochen, Bilder beschlagnahmt, zerstört oder mit Aufklebern„entartete Kunst“ versehen, er selbst als geisteskrank bezeichnet.Heute wissen wir, dass Gottfried Helnwein mit seiner Kunst seiner Zeit voraus war.Doch der Schock, den man erleidet, wenn man auf seine großformatigenhyperrealistischen Werke trifft, ist noch immer groß. Obwohl wir uns heutzutagedarüber bewusst sind, welche Grausamkeiten das Dritte Reich hervorgebracht hatund diesbezüglich eine ausgeprägte Erinnerungskultur pflegen, auch wenn wir durchMedienberichte aus Kriegsgebieten tagtäglich mit fürchterlichen Bildern konfrontiertwerden, und wir uns dessen bewusst sind, dass jährlich alleine in DeutschlandTausende Kinder Opfer von sexueller Gewalt werden, so laufen einem beim Anblickder bandagierten, verwundeten, oft blutüberströmten Kinder dennoch kalte Schauerüber den Rücken. Helnweins Bilder sind inszenierte Wirklichkeiten. Sie sindschmerzhaft, stellen unbequeme Fragen und geben keine Antwort. Der Künstlerliefert lediglich Indizien. Die Schlüsse daraus zu ziehen, obliegt allein demBetrachter.Fest steht: Man kann sich Gottfried Helnweins Bildern nicht entziehen, nichtunbeteiligt an ihnen vorbeischreiten. Sie erschüttern bis ins Mark, rütteln wach, unddas in einer Zeit, in der wir durch die Bilderflut der omnipräsenten Medienzunehmend abstumpfen. Das macht die besondere Qualität und Bedeutung vonGottfried Helnweins Kunst aus.Das angestrebte Ziel dieser Ausstellungsinitiative ist es, auf die Wichtigkeit undBedeutung hinzuweisen, dass in der Kunst auch den sozialkritischen Themen immerwieder prägnant Ausdruck verliehen werden muss, um der Menschheit durch dieKonfrontation mit der Grausamkeit die Augen zu öffnen. Und wo könnte dieseKonfrontation besser stattfinden als im europäischen Zentrum der zeitgenössischenKunst, am Markusplatz in Venedig? Wir danken der Biblioteca Nazionale Marciana,dem Künstler Gottfried Helnwein und Geuer&Geuer Art, Düsseldorf für diehervorragende und partnerschaftliche Zusammenarbeit, die diese einzigartigeAusstellung in den eindrucksvollen Sale Monumentali erst möglich gemacht hat