
Rüsselsheim. Die unerträglichen Geschehnisse in der Ukraine erschüttern uns unentwegt und jeder fragt sich: Wie damit umgehen? Ausgerechnet während der heftigsten kriegerischen Auseinandersetzung in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg zeigt die aktuelle Ausstellung der Opelvillen “Daphne ohne Apoll” ein Werk, das sich mit dem Grauen des Kriegs auseinandersetzt: “The Disasters of War”.Der umstrittenste Gegenwartskünstler Gottfried Helnwein definiert seine Arbeit mit den Worten” “Kunst ist für mich eine Waage, mit der ich zurück schlagen kann”. Die Kuratorin der Opelvillen, Dr. Beate Kemfert, konnte bei der Zusammenstellung der Werke aus der Sammlung Maria Lucia und Ingo Klöckner nicht erahnen, dass sich mit Beginn des Kriegs in Europa plötzlich die Präsenz einzelner Werke verschiebt. Wir unterhalten uns daher mit Beate Kemfert darüber, wie es ausgerechnet zur Auswahl “The Disasters of War” des weltberühmten Künstlers Helnwein kam, der sein Schaffenswerk, angelehnt an den Maler Francisco de Goya, “Die Sichtbarmachung des Schreckens” umschreibt. “Nein”, sagt die Kuratorin, “vor drei Jahren hat keiner geahnt, welch schrecklichen kriegerischen Auseinandersetzungen, die ganz nah vor unserer Tür stattfinden, die Ausstellung beeinflussen werden.” Normalerweise belaufe sich die Vorbereitungszeit einer Ausstellung in den Opelvillen auf zwei Jahre. Bedingt durch die Pandemie hatte “Daphne ohne Apoll” einen Verlauf vor drei Jahren. “Aus 350 Werken, die die Sammlung des Ehepaar Klöcker Kunst unter einen sehr persönlichen Aspekt: Frauendarstellungen”.Transformation in den Werken hinterfragenDer Wintergarten der Opelvillen im Erdgeschoss ist an diesem Morgen lichtdurchflutet. Beate Kemfert erwähnt mit etwas Stolz in der Stimme, dass die Opelvillen vor drei Jahren den Aspekt der Metamorphose aufgegriffen haben, um in der Ausstellung “Daphne ohne Apoll” die Möglichkeiten der Transformation in den Werken zu hinterfragen. Die Kuratorin hat sich bereits auf der Biennale umgeschaut und stellt fest: “Auch die grossen Ausstellungen fokussieren sich jetzt auf das Thema Metamorphosen.”Aber all diese Theorien entstanden vor Putins Krieg, und wir möchten von der Kuratorin wissen, ob die Konfrontation mit der Grausamkeit des Kriegs, wie sie von Gottfried Helnwein in “The Disasters of War” dargestellt wird, die Ausstellung aus dem Kontext reisst? Wir begeben uns in den ersten Stock der altehrwürdigen Villa, begleitet vom Knarren der Holzstufen. Die Räume sind verdunkelt, wir sind früh dran, es gibt noch kein Publikumsverkehr. “The Disaster of War”, gemalt mit Öl und Acryl auf Leinwand, entstand 2007. Der Raum, in dem es von Beate Kemfert aufgehängt wurde, wird innerhalb der Ausstellung mit “Wachstum” bezeichnet.Nach wie vor is Kemfert verunsichert vom Blick des Kindes: “Helnwein irritiert, man sieht ein Kind, es würde gerne Spielen, aber es steckt in einer viel zu grossen Uniform, Opfer werden plötzlich zu Tätern, Kindersoldaten, die auch im Zweiten Weltkrieg in Rüsselsheim aus dem Dach der Opelvillen an den Fliegerabwehrkanonen standen”, weiss Kemfert zu berichten und sieht durchaus auch bei diesem Gemälde keine klare Position, die bereits vor drei Jahren für die Ausstellung definiert wurde: “Es sind Metamorphosen, die in eine andere Bedrängnis führen”.Der Blick des Mädchens in der Kriegsuniform folgt dem Betrachter durch die Ausstellung. Direkt neben dem Gemälde erinnert das Werk “Idolfigur” von Jürgen Brodwulf an eine Beinprothese. Bisweilen fällt es sehr schwer, sich mit den Kunstwerken auseinanderzusetzen und man flüchtet in die Hoffnung auf ein baldiges Kriegsende.
