October 26th, 2023
Kleine Zeitung
Gottfried Helnwein: „Ich werde nicht hofiert, ich habe immer Widerstände gehabt“
Susanne Rakowitz
Interview.
Weltberühmt, nicht nur in Österreich: Maler Gottfried Helnwein blickt auf seine Heimat, die er einst aufgrund der Enge verlassen hat. Seine Sicht auf das Land hat sich längst gewandelt. Er ist einer der erfolgreichsten Künstler Österreichs: Gottfried Helnwein. Seine Bilder sind unbequeme und emotionalisierende Spielarten der Angst, und der Meister des Hyperrealismus hat ebenso einen ungeschönten Blick auf die Welt. Die Albertina widmet ihm derzeit zum 75. Geburtstag eine Retrospektive.

Herr Helnwein, Sie sind ein Weitgereister, haben Wohnsitze in den USA, Irland und als begeisterter Donaldist auch theoretisch in Entenhausen. Wenn Sie aus der Distanz auf Österreich schauen, was sehen Sie da?Gottfried Helnwein: Mir hat gerade diese zeitliche und räumliche Distanz zu Österreich einen ganz neuen Blick erlaubt. Österreich hat sich sehr verändert, seit ich Anfang der 1980er-Jahren weggegangen bin. Vor allem nach dem Fall des Eisernen Vorhangs hat sich das Land gewandelt. Das Niveau der Lebensqualität ist unvergleichlich. Österreich hat eines der besten sozialen Netze, das ich kenne. Das fällt auf, wenn man in einem Land wie Amerika lebt, wo die Straßen voll mit Obdachlosen sind. Wo es kein soziales Netz gibt und das System nur für die Superreichen arbeitet. Und es ist mir auch bewusst geworden, dass die Sozialpartnerschaft eine einmalige Errungenschaft ist. Ein Meisterstück an Realpolitik.Sie sind im Jahr 1948 geboren. Dieses dunkle Nachkriegs-Österreich hat Sie und Ihre Kunst sehr geprägt. Wie haben Sie die Zeit damals erlebt?Alle in meinem Alter können bestätigen, dass die Zeit bis zu den 1970er-Jahren schrecklich war. Die vergangenen historischen Ereignisse, die Weltkriege und der Holocaust, die haben noch den langen Schatten über Wien geworfen. Wien war eine depressive Stadt. Man kann das auch an den Kunstformen sehen: vom Wiener Aktionismus bis zu Handkes „Publikumsbeschimpfung“ – aggressiv und anarchistisch. Mit diesem Wien-Bild bin ich weggegangen.Mittlerweile wurde Wien vielfach zu einer der lebenswertesten Städte der Welt gewählt. Hat sich Ihr Verhältnis zu Ihrer Heimatstadt gebessert?Wien ist etwas ganz Besonderes, etwas Kostbares. Ich liebe dieses Wien, das seit Jahrhunderten ein Zentrum einer grossen, eigenständigen Kultur ist. Ich fühle eine tiefe Verbundenheit zu den Künstlern diese Kulturtradition, von Stefan Zweig bis Franz Kafka und HC Artmann. Wien hat zum einen diese zuckersüße Seite, wie Operetten und Walzer, aber auf der anderen Seite auch eine dunkle Kunst, von Franz Xaver Messerschmitt bis zum Wiener Aktionismus, dieses Spektrum finde ich faszinierend. Am meisten ist mir in der Welt immer der Wiener Dialekt abgegangen. Das Wienerisch der Arbeiter, Künstler und Gauner ist für mich die beste, kreativste Sprache der Welt.Manfred Deix hat einmal gesagt: „In Österreich sind alle zu brav, es braucht mehr wilde Hunde.“ Braucht es die heute noch?Der Manfred Deix war in jedem Fall nicht zu brav, das kann man nicht sagen (lacht). Was stimmt: Bis zu den 1970er-Jahren war die österreichische Kunstszene eine wilde Szene. Es war ein wildes um sich schlagen, um alles Bürgerliche auszulöschen und zu vernichten. Jeder wollte ärger als der andere sein. Ich glaube schon, dass in extremen Situationen, auch psychischer und sozialer Natur, Künstler oft Hochleistungen hervorbringen konnten. Franz Xaver Messerschmidt und seine fantastischen Plastiken etwa. Das sind Menschen, die zerrissen waren, die mit ihren Dämonen gerungen haben. In solchen Situationen entsteht oft großartige Kunst.Sie firmieren hierzulande ja auch in der Kategorie „große Söhne“. Macht Sie das stolz oder sehen Sie das skeptisch?Ich werde nicht hofiert, ich habe immer Widerstände gehabt und für Aufregung gesorgt, weil ich nicht in das System passe, mich nicht einordnen lasse. Aber das halte ich für einen Vorteil, denn somit bin ich immer gezwungen, eine gewisse Distanz zu halten. Es ist immer gefährlich, wenn man sich als Künstler zu sehr von der Gesellschaft umarmen lässt. Das kann, vor allem was die Kreativität betrifft, eine Art Todesumarmung sein. Da kriegt man dann viele Orden und die Kunst geht dabei drauf.Sind Sie gänzlich immun gegen offizielle Würdigungen?Es hat mich sehr berührt, dass mir der Bundespräsident zum Geburtstag einen Brief geschrieben hat. Von "Donaldist zu Donaldist" hat er mir auf meinem Lebensweg alles Gute gewünscht. Auch er hat in seiner Kindheit heiligen Entenhausener Boden betreten – ein Bruder im Geiste!Dass ein Entenhausener einmal das höchste Amt im Staat bekleiden würde hätte ich mir nie träumen lassen. Ein grosses Glück für Österreich und Anlass zur Hoffnung.Auch das ist Österreich: Seit Jahresbeginn gab es schon 22 Femizide, die letzten beiden am vergangenen Wochenende. Ihr 3000 Quadratmeter großes Kunstprojekt „My Sister“, das sich mit Gewalt gegen Frauen und Kinder auseinandersetzt, verhüllt gerade den Wiener Ringturm. Was kann Ihre Kunst zu dem Thema beitragen?Kunst hat natürlich keinen Einfluss auf das täglichen Geschehen, aber Kunst kann einen neuen Blick auf Ereignisse ermöglichen. Ich denke da an Goya, der um 1800 die Gräuel des Krieges dargestellt hat. Das, was er damals gemacht hat, ist heute so aktuell wie damals. Diese Bilder gelten genauso für die Ukraine, Israel und Gaza. Wir erkennen also, dass die Menschheit nichts dazugelernt hat, Geschichte wiederholt sich. Wir haben uns zwar technologisch in eine High-Tec Science-Fiction-Gesellschaft entwickelt, aber moralisch und ethisch stehen wir immer noch auf der Stufe der Steinzeit.