Nur eine Skulptur hat es in die Ausstellung geschafft. Da liegt im letzten Raum ein bandagiertes Mädchen im blütenweißen Kleid auf einem Holztisch. Auf dem Werk an der Wand vor ihr ist das gleiche Kind vor einer Reihe älterer Männer mit deformierten Gesichtern zu sehen. Epiphany III nennt Gottfried Helnwein das Bild, Presentation at the Temple die Skulptur, eine Anspielung auf eine Episode im Lukasevangelium, dem zufolge Jesus am 40. Tag nach seiner Geburt im Tempel dargebracht wurde.Wie unter einem Brennglas sind in dieser Gegenüberstellung von Bild und Skulptur alle Themen Helnweins versammelt, die sein Werk der vergangenen 20 bis 30 Jahren bestimmen: das wehrlose, verletzte Kind, die Deformation an Körper und Geist, die Weichzeichnung in der Darstellung von Krieg und Gewalt. Und als sei es damit nicht getan, starren von den übrigen Wänden im Untergeschoß der Albertina Hitler, SS-Schergen und – wie kann es anders sein – Micky Maus auf die gruselige Szenerie.
Überwältigung ist eine von Gottfried Helnweins ausgeprägtesten Strategien. Während andere Kunstschaffende sich auch mal zurücknehmen, greift der in Österreich, Irland und den USA lebende Künstler in die Vollen. Seit den 80er-Jahren werden seine Formate größer und größer und besetzen auch schon mal den öffentlichen Raum, so wie etwa derzeit den Wiener Ringturm. Wegschauen ist keine Option, die Betrachterinnen sind Helnweins gleichermaßen brutalen wie rätselhaften Bildern ausgeliefert – ohne Erklärungen, die bei der Verarbeitung der unheimlichen Darstellungen helfen könnten.Nur manchmal gibt ein Titel einen Fingerzeig, aber auch der kann ganz schön unter die Haut gehen – wie bei den Gemälden ungeborener, deformierter Kinder aus dem Wiener Narrenturm. Angel Sleeping I–VI nennt Helnwein die Serie, bei der man natürlich an Heinrich Gross und seine Experimente an behinderten Kindern am Spiegelgrund denken muss. Die Gräuel des Nationalsozialismus sind seit Beginn seiner Karriere eine der maßgeblichen Referenzen in Helnweins Werk. Als Franz Murer, der unter dem Namen "Schlächter von Wilna" traurige Prominenz erlangte, 1963 freigesprochen wurde, erwachte das politische Interesse des damals jugendlichen Künstlers.
In einer großen Retrospektive, die die Albertina Helnwein 2013 ausrichtete, konnte man die ersten Gehversuche, die kleinformatigeren Arbeiten, die Entdeckung von Entenhausen und seiner Bewohner Donald Duck oder Micky Maus als Gegenrealitäten zum tristen Wiener Nachkriegsalltag entdecken. In der jetzigen, zum 75. Geburtstag des Künstlers angesetzten, unter dem Titel Realität und Fiktion firmierenden Ausstellung geht es dagegen um die vergangenen zwei, drei Jahrzehnte, in denen sich Helnweins Œuvre immer stärker in sich schloss. Die hyperrealistische Malweise, der Helnwein seit den 1960ern anhängt, zieht sich als Konstante durch das gesamte Werk, ebenso das Thema des versehrten Kindes.Hinzugekommen sind im vergangenen Jahrzehnt allerdings Manga-Figuren, die Helnwein vor Kriegsschauplätzen in schwer dechiffrierbaren Posen abbildet. Posieren die Anime-Figuren vor explodierenden Gebäuden oder zeigen sie sich erschrocken? Fakt ist jedenfalls, dass auch die Schlachtfelder in leicht verdaulicher, schöngefärbter Weise abgebildet sind.So wie mediale Bilder die wirkliche Gewalt ausblenden können, so ist auch in den Bildern des Gottfried Helnwein nur selten die ganze Dimension von Krieg und Gewalt zu sehen. Da tragen zwar Kinder Maschinengewehre oder blutbefleckte Kleider, da sieht man bandagierte Köpfe oder Gliedmaßen: Die Gewalt selbst sieht man aber nicht, sehr wohl aber werden "Gefühle der Angst" evoziert, wie Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder bei der Pressekonferenz ausführte. Sein Haus ist seit langem mit Helnwein – der nicht zum Termin erschien – verbunden, die jetzige Schau wurde von Elsy Lahner kuratiert.