Wien, Dublin, Los Angeles – Der Wiener Ringturm ist eine denkbar geeignete Ausstellungsfläche für die Schockbilder von Gottfried Helnwein. Ließ er 2018 auf 3.000 Quadratmetern ein kleines Mädchen mit einem Maschinengewehr Wien ins Visier nehmen, so ist es nun auf "My Sister" das blutverschmierte Gesicht eines Mädchens, das großformatig Gewalt thematisiert. Am Freitag wurde die Ringturmverhüllung, die bis Ende Oktober zu sehen ist, offiziell eröffnet. Heute Sonntag feiert Helnwein seinen 75. Geburtstag.
Gefeiert wird der gebürtige Wiener, der schon lange nicht mehr in seiner Heimatstadt lebt, zum Geburtstag aber mit Kindern und Enkeln nach Wien gekommen ist, auch in der Albertina. Das Museum, das ihn seit 1985 immer wieder gewürdigt und bei der Helnwein-Retrospektive 2013 250.000 Besucher begrüßt hat, eröffnet am 24. Oktober eine große Ausstellung mit Werken der vergangenen zwei Jahrzehnte. Helnweins Œuvre sei „von der Auseinandersetzung mit den Themen Schmerz, Verletzung und Gewalt geprägt“, heißt es in der Ankündigung. "Als zentrales Motiv dient ihm die Figur des verletzbaren und wehrlosen Kindes, das stellvertretend alle psychologischen und gesellschaftlichen Ängste verkörpert."
Gottfried Helnwein wurde am 8. Oktober 1948 in Wien geboren. Sein Handwerk hat er an der Höheren Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt und an der Akademie der Bildenden Künste in Wien gelernt, war Meisterschüler des "Phantastischen Realisten" Rudolf Hausner und wurde bereits früh mit Auszeichnungen wie dem Meisterschulpreis (1970), dem Kardinal-König-Preis (1971) und dem Theodor-Körner-Preis (1974) geehrt. Das Nachkriegswien aber war ihm allerdings ebenso zuwider, wie es in seine Arbeit kroch, in der er sich sowohl mit der Hochglanzwelt der Werbung, als auch der dunklen, verdrängten Gegenwelt des häuslichen oder psychiatrischen Alltags auseinandersetzte.
"Die Leute haben es als Schock empfunden, weil ich sichtbar gemacht habe, was ihnen unsichtbar lieber gewesen wäre".Gottfried Helnwein, Künstler
Seine hyperrealistischen Bilder von verängstigten und gepeinigten Kinder oder schreienden, bandagierten Menschen fanden auch durch Magazinillustrationen und Plattencover große Verbreitung, sorgten immer wieder für heftige Diskussionen und für sein Image als "Schockmaler". „Die Leute haben es als Schock empfunden, weil ich sichtbar gemacht habe, was ihnen unsichtbar lieber gewesen wäre“, erklärte er einmal gegenüber der APA. „Aber ich wusste, dass ich mich damit beschäftigen muss, es war eine Obsession.“ Angesichts der vielen später ans Tageslicht gekommenen Missbrauchsfälle dieser Zeit, seien bei ihm „offenbar die Verdrängungsmechanismen nicht ganz so entwickelt“ gewesen.
„Diese heile Welt, die man in der neuen jungen Republik der Hämmer und Dome zu verbreiten versuchte, das was so ekelerregend, so unattraktiv“, so Helnwein. „Für mich und meine Generation war die amerikanische Kultur die Zuflucht. Der Comicstrip, die direkte Übertragung, die Begeisterung.“ Die Utopie von Entenhausen wurde zu einem der beherrschenden Themen des "Donaldisten", später auch die japanischen Mangas – wiewohl er auch diese "heile Welt" immer wieder durch motivische Beziehungen zu Krieg oder dem von ihm in zahlreichen Werkgruppen aufgearbeiteten Nationalsozialismus konterkariert. Auch Ausstattungen für Oper und Tanztheater hat Helnwein gemacht, etwa gemeinsam mit dem Kärntner Choreografen Johann Kresnik.
In den vergangenen Jahrzehnten hatte Helnwein große Ausstellungen und Retrospektiven in aller Welt, darunter St. Petersburg, Los Angeles, San Francisco und Peking. Im Waldviertel hat er vor zwei Jahren mit dem Immobilienunternehmer Klemens Hallmann das Barockschloss Ruegers in der Gemeinde Hardegg erworben - um es zu einem "Ort der Kreativität und des kulturellen Schaffens" zu machen. (APA)