Feuilleton

Über das Wiener Wunderkind des Tabubruchs gibt es viele Geschichten. Eine geht so: Als ihm die Professoren an der Kunstschule wieder einmal zu konservativ waren, nahm Gottfried Helnwein ein Messer und schnitt sich in die Arme. Mit dem Blut malte er ein Porträt Adolf Hitlers. Es gab Aufruhr unter den Kunstpädagogen, die sich in ihren weissen Arbeitsmänteln zu aufgeregten Trauben formierten und etwas von Vaterlandsverrat riefen.Die gern erzählte Story ist ein halber Mythos. Statt Blut hatte Helnwein nur rote Farbe genommen, aber eine ganz bestimmte Erfahrung sollte ihn seit diesem Augenblick der sechziger Jahre prägen: welche Macht die Bilder haben.Wie aus Albträumen entwichen, schleichen böse grinsende Comicfiguren über Gottfried Helnweins Leinwände. Bandagierte Kinder mit blutenden Wunden leiden märtyrerhaft an einer Erwachsenenwelt, der sie nicht entkommen können. Wo selbst Donald Duck wie ein Pestarzt aussieht, dort treffen sich die Bildwelten von Disney mit Hieronymus Bosch, Francisco de Goya und E. T. A. Hoffmann. Je grösser das Leid in der Welt, umso monumentaler die Formate. Das hat der österreichische Maler immer so gehalten, und weil die Wiener Albertina mit Helnwein vor zehn Jahren einen ihrer grössten Erfolge feierte, legt sie jetzt in einer Ausstellung noch einmal nach.In dreiundvierzig Werken kann man die menschliche Grausamkeit bestaunen und bleibt mit diesen Erfahrungen allein. Gottfried Helnweins Bilder geben keine Moral vor, aber die Kunstfertigkeit ihres Schockmoments erzeugt eine Gewöhnung, mit der sich das Werk selbst zu sabotieren droht. Die assoziative Offenheit hat bisweilen etwas Beliebiges und Repetitives. Und es gibt eine fatale Nebenwirkung der gegenwärtigen globalen Lage, wenn Helnweins gemalter Schrecken plötzlich wie Dekor wirkt.
Die in den letzten Jahren entstandene Serie «The Disasters of War» zeigt Kinder, die mit Maschinengewehren in die Ferne zielen. Sie setzt auch verwundete Kinder ins Bild und treibt damit den symbolischen Kreislauf quer durch das Täter-Opfer-Thema. Helnweins Kunst ist ein grosser Rettungsversuch. Sie will die Unschuldigen vor dem Unheil bewahren und stellt sie in den Lichtkegel der Zuneigung.Unter scharfkantiger Beleuchtung und meist weiss gekleidet, bilden die Kinder eine Art Gegenarmee zur politischen Welt. Zur Welt der Übergriffe. In somnambulen Bildern beschwört Gottfried Helnwein «The Murmur of the Innocents». Er malt ein Mädchen, das sich selbst mit der Hand zu strangulieren scheint, als «Kindskopf» und Föten aus der pathologisch-anatomischen Sammlung des Wiener Narrenturms.Helnwein ist der disziplinierte Verwandte des Wiener Aktionismus. Sein Exzess liegt in der Genauigkeit, und Überschreitung gibt es dort, wo die Gesetze des Museumsraumes neu definiert werden. Der heute 75-jährige Künstler verdoppelt die Wirklichkeit, überhöht sie um Pinselhaaresbreite und malt in einer Grösse, die den Betrachter zum Teil des Geschehens macht.In den unendlichen Räumen der Helnweinschen Grausamkeiten ist das Publikum Statist und Beteiligter zugleich. Es kann sich nicht hinausmogeln, wenn es so wie in Wien plötzlich vor der lebensgrossen Skulptur eines weiss gekleideten Mädchens steht, das auf einem Holztisch liegt. Mit geschlossenen Augen, das Böse erwartend.Das Grauen der politischen Epiphanie findet sich dort, wo SS-Männer die Muttergottes mit dem Kind umstehen. Aus einer ursprünglichen Fotografie hat Helnwein Adolf Hitler hinausretuschiert und den kindlichen Heiland hineingemalt. «Epiphany 1» heisst das 2013 entstandene, fast neun Quadratmeter grosse Bild. Hitler ist im Werk immer noch da. In der Serie «Encounter» markiert er als hyperrealistischer Gottseibeiuns die Abwesenheit des Guten und trifft auf Figuren aus dem Disney-Imperium. Zwischen Bombenruinen beugt sich der lächelnde Führer hinunter zu einem schüchternen Micky-Maus-Mädchen. «The Man who Laughs» ist das Bild betitelt. Wer wie Gottfried Helnwein in der Wiener Nachkriegszeit aufgewachsen ist, der weiss, wer die sind, die immer zuletzt lachen.Als das Brechen von Tabus noch zum Alltag des Künstlers gehörte und Skandale seinen Weg säumten, machte in Österreich der Fall des NS-Arztes Heinrich Gross Schlagzeilen. In der Klinik am Wiener Spiegelgrund war Gross federführend an «Euthanasie»-Programmen beteiligt. Nach 1945 avancierte er zum meistbeschäftigten gerichtspsychiatrischen Gutachter des Landes. In etlichen Prozessen wurde er freigesprochen und verteidigte sich damit, dass man die Kinder am Spiegelgrund immerhin nicht «totgespritzt», sondern ihnen nur Gift ins Essen gemischt habe.
1979 malt Helnwein als Cover für das Nachrichtenmagazin «Profil» das Bild «Lebensunwertes Leben». Ein Kind ist tot in seinen Teller gekippt. Es ist eine Urszene im Werk des Künstlers. Jene Mischung aus Symbolhaftigkeit und Konkretion, die Helnwein in den Jahrzehnten bis heute in immer grössere artifizielle Höhen schrauben wird. Sind die Grossformate der Serie «Disasters of War», in denen glubschäugige Mangamädchen vor brennenden Gebäuden posieren, gesellschaftskritisch brauchbar oder nur noch popkultureller Kitsch?Wer durch die monumentale Wiener Ausstellung geht, dem werden ihre Widersprüche nicht entgehen. Gottfried Helnwein ist Verfechter einer Malerei, die in Quasi-Opposition zum elitären Kunstbetrieb funktioniert. Die Behauptung, man wolle Kunst nicht nur für Eingeweihte machen, sondern von allen gesehen werden, schlägt in ein Pop-Phänomen um.Helnwein-Bilder gibt es auf Platten- und Zeitschriften-Covern und millionenfach als Poster. Deshalb sind die Originale auch so teuer, und der Künstler kann sich ein Leben zwischen einem Domizil in Los Angeles und dem Fünfzig-Zimmer-Schloss in Irland leisten. Dass diese überlebensgrosse Könnerkunst auch eine Rache an den katholisch-kleinbürgerlichen Verhältnissen ist, in denen der Künstler aufwuchs, bleibt genauso Teil ihrer Geschichte wie der in ihr imaginierte Schmerz.Zwischen Unschuld und Schuld liegt kein messerscharfer Schnitt. Es ist die Zone eines stumpfen Polytraumas, für das die Menschheit jeden Tag sorgt und zu dem Helnwein die passenden Bilder schafft. Ist es eine Ironie, dass der, der sich das Malerei gewordene Bedauern über eine gefühlsarme Welt an die Wand hängen will, heute richtig reich sein muss?
Gottfried Helnwein. Albertina Wien. Bis 11. Februar. Katalog Euro 29.90.