May 30th, 2000
Berliner Zeitung
Der Vater macht Politik, der Sohn Videoclips
Iris Brennberger
Philipp Stölzl ist in der Pop-Branche ein Star, der schon für Madonna und Rammstein Regie führte
In seiner Schöneberger Wohnung lagert keine Plattensammlung, es lehnen Kunstbände von Anselm Kiefer und Helnwein, Opernführer, Comics und Science-Fiction-Videos im Regal - der Fundus für seine Ideen.

Stölzl?, Christoph Stölzl?" So ähnlich würde wohl Madonna nachfragen, wenn irgendjemand auf die Idee käme, ihr den Namen des derzeitigen Berliner Kultursenators zu verraten: Von Christoph Stölzl dürfte der Pop-Star im Leben wohl noch nie gehört haben, von dessen Sohn Philipp dagegen sehr wohl. Der 32-jährige Sohn des Herrn über Bühnen und Bretter, die die Welt bedeuten, hat bei Madonnas neuestem Videoclip Regie geführt. "American Pie" zeigt die zuletzt so gestylte Diva auf allen Musikkanälen mal von einer zuletzt vernachlässigten Seite: unbekümmert tanzend, mit rutschenden Jeans vor amerikanischer Flagge.Während Vater Christoph als Leiter des Deutschen Historischen Museums und schließlich als Senator Karriere als Administrator machte, hat sich Sohn Philipp einen Namen als Macher im internationalen Filmgeschäft erarbeitet: als Regisseur von Videoclips und Werbespots. Der gebürtige Münchner und Wahl-Berliner drehte mit Bands wie Rammstein, Face No More und AHA. Er setzte Sänger Marius Müller Westernhagen in Szene und die Gruppe Garbage mit dem Titelsong zum James-Bond-Streifen "The World is not enough".Mit seinem Vater versteht sich Philipp Stölzl gut. "Ich musste mich nie abnabeln oder so etwas", sagt der 32-Jährige mit fast kahl geschorenem Kopf und kurz gestutztem Vollbart. Wenn er nicht gerade beiDreharbeiten, Castings und Besprechungen im Ausland ist, zeige er seinem Vater gerne neue Videos: "Ich schätze seine Meinung sehr." Genutzt oder geschadet habe ihm die Prominenz von Stölzl senior nie. "Beruflich bewegen wir uns in zwei verschiedenen Welten", sagt der 32-Jährige, ehe er zum dritten Mal in 15 Minuten sein Handy abnimmt und den Anrufer aus Los Angeles bittet, später noch mal anzurufen.Philipp Stölzl hat den Gang ins internationale Popgeschäft nicht von Anfang an geplant. Nach dem Abitur in München lernte er an den dortigen Kammerspielen Bühnenbildner und arbeitete später freiberuflich mit verschiedenen Theaterregisseuren. Seinen Wechsel ins Business der Schönen und Lauten im Jahr 1996 erklärt er so: "Eine Bühne ist acht Meter breit und 20 Meter tief. Das ist zu wenig Platz." Jedenfalls für die Bilder in seinem Kopf. Videoclips seien dagegen die ideale Spielwiese: "Man kann die ganze Palette filmtechnischer Möglichkeiten nutzen und der Weg von der Idee zur Realisierung ist kurz."

Stölzl kam genau zur rechten Zeit. Dank der Gründung des Musikkanals Viva Ende 1993 boomte das Clip-Geschäft. Er fing 1996 in Wien bei der Videoclip-Firma Doro an, schrieb Konzepte für Clips und zeichnete Storyboards. Nach einem Jahr zog er als Doros Creative Director nach Berlin, baute hier eine Filiale auf und drehte noch im selben Jahr als Regisseur sein erstes Video für die Brachial-Rocker von Rammstein ("Du hast")."Am langweiligsten finde ich Videos, in denen ein langhaariger Mensch an der Gitarre arbeitet", sagt der 32-Jährige. Er möchte lieber kurze Geschichten erzählen und den Songs "Bilder anpassen wie einen Maßanzug" - Viva-kompatibel eben. In seiner Schöneberger Wohnung lagert keine Plattensammlung, es lehnen Kunstbände von Anselm Kiefer und Helnwein, Opernführer, Comics und Science-Fiction-Videos im Regal - der Fundus für seine Ideen. Sein Musikgeschmack sei dagegen unwichtig.