January 1st, 1999
profil-online
Tu felix Austria designe!
Von Lo Breier
Zeitschriftendesign. Als profil auf den Markt kam, fiel es nicht nur durch frechen Stil und respektlose Inhalte auf, sondern auch durch seine eigenständige Gestaltung – das gilt bis heute.
Aber zurück zum Anfang der österreichischen Medienlandschaft, zur Gründung einer neuen Zeitschrift. Plötzlich gab es profil in der Trafik. Eine tolle Titelseite für ein eigenes österreichisches Nachrichtenmagazin. Strahlend weißer Hintergrund, prägnantes Logo, Illustrationen von meinen Vorbildern Gottfried Helnwein und Manfred Deix. Die waren auf derselben Schule wie ich, der Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt. Man munkelte, sie könnten nicht nur genial zeichnen, sondern auch ordentlich trinken und Joints rauchen. Und pünktlich um acht hab ich sie auch nie in der Schule gesehen, aber das lenkt jetzt zu sehr vom Thema ab,

Heftkritiken sind für Zeitschriftengestalter oft ziemlich frustrierend. Schnell hat man sich oft darüber verständigt, dass die sinkende Auflage mit der schlechten Gestaltung zu tun hat. Wird die Gestaltung aber gelobt, heißt es im Nachsatz häufig, sie überlagere den Inhalt. Zeitschriften müssen heute "convenient" gestaltet sein. Der Leser will sich in seinem Magazin schnell zurechtfinden und nicht durch zu viel Eigenständigkeit überfordert werden. Junge Zielgruppen sind außerdem "bildorientiert" aufgewachsen, sie lesen kaum noch. Nicht einmal Tageszeitungen. Die Konkurrenz ist groß, nicht nur in den eigenen Reihen. Das Fernsehen kann man inzwischen mit der Fernbedienung "durchblättern", das Internet dagegen ist zwar noch langsam und schwerfällig, raubt aber Zeit fürs Lesen und färbt auch auf die Printgestaltung ab. Zeitungen werden "magaziniger". Farbe ist Standard, Schwarz-Weiß nur für den speziellen gestalterischen Einsatz geeignet. Trotzdem haben es Nachrichtenmagazine leichter als Illustrierte. Sie haben eine klare Leserschicht: die Info-Elite, wie es "Focus" so geschickt formuliert hat.Aber zurück zum Anfang der österreichischen Medienlandschaft, zur Gründung einer neuen Zeitschrift. Plötzlich gab es profil in der Trafik. Eine tolle Titelseite für ein eigenes österreichisches Nachrichtenmagazin. Strahlend weißer Hintergrund, prägnantes Logo, Illustrationen von meinen Vorbildern Gottfried Helnwein und Manfred Deix. Die waren auf derselben Schule wie ich, der Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt. Man munkelte, sie könnten nicht nur genial zeichnen, sondern auch ordentlich trinken und Joints rauchen. Und pünktlich um acht hab ich sie auch nie in der Schule gesehen, aber das lenkt jetzt zu sehr vom Thema ab, von profil. So einen Titel gab es für Nachrichtenmagazine auf der ganzen Welt nicht. Sogar "Der Spiegel" hatte sich den roten Rahmen vom amerikanischen Magazin "Time" geliehen, und eigentlich haben bis heute fast alle seriösen Nachrichtenmagazine einen roten Rahmen und keinen Cartoon, sondern ein Porträt, eine Illustration oder eine Fotocollage auf Seite 1. profil aber wurde von Bernhard Paul, dem späteren Direktor des Circus Roncalli, völlig eigenständig gestaltet. Heute heißen solche Leute ja auch Art Director.NostalgieDie Erinnerung verklärt vieles. Blättert man jetzt in einer der ersten Ausgaben, holt einen die österreichische Schwarz-Weiß-Druckqualität der siebziger Jahre wieder auf den Boden der Realität zurück. So schlecht haben Politiker damals ausgesehen? Was gab es sonst so an Zeitschriften? Meine Eltern hatten "Time", "Hör Zu", "National Geographic" und den "Kurier" zu Hause. Seltsame Mischung, gebe ich zu. Die ersten Zeitschriften, die ich selber kaufte, waren "Wunderwelt", "Micky Maus", "Hobby", "Jasmin", "Twen" und "Autorevue". Fernsehen war s/w, und in der Nacht gab es Filme mit Catherine Deneuve und Marcello Mastroianni. Im Radio lief die Musiksendung "Schlager für Fortgeschrittene" eines gewissen Herrn Bronner und "Musik zum Träumen". Im Konzerthaus traten The Supremes, die Mothers of Invention und Jimi Hendrix auf. Und im Hawelka wurde die Welt entweder neu erfunden – oder profil gelesen. Ich kann mich noch gut an die ersten Ausgaben von profil erinnern, aber das Layout im Heft selbst war irgendwie aus meiner Erinnerung gelöscht. Bei jetziger Betrachtung besteht es aus einigen wenigen Elementen: dreispaltiger Umbruch, 13 Cicero Spaltenbreite, Schrift: Times Roman 9 Punkt. Initialen zweispaltig. Headlines: Times fett 20 Punkt, Vorspann: Helvetica halbfett 9 Punkt.Das war’s, damit kam man durchs ganze Heft. Ausnahme: die Titelgeschichte, die hatte eine größere Headline. Was müssen sich die Fotografen damals über die Reproduktion ihrer Bilder geärgert haben. Fotografen? Ein Blick ins Impressum muss genügen, Fotocredits gab es noch keine. Da stand: Wolfgang Hauptmann, Walter Wobrazek, Votava und Agentur Hanni. Die Ersten kennt man ja, aber Hanni, wer kann diese Agentur Hanni gewesen sein?Händisch geklebtIm Heft selbst vermisst man Zitate, Einklinker, Umsetzer. Wo ist die Farbe? Wo sind die Infografiken? Die Aufmacher? Die saubere Typo?Das alles hatte "Der Spiegel" damals auch nicht. Die Layouts wurden ja noch per Hand geklebt. Es gab Textfahnen und Klebeumbrüche. Die Fotos wurden "vermaßt", man sah sie nicht sofort am Bildschirm, sondern erst im fertig gedruckten Heft. Das Fax war auch noch nicht erfunden. Kopierer waren selten und konnten nicht vergrößern. Für Farbkopierer hätte man gar keine Verwendung gehabt, man schaffte sich eine Reprokamera an. Die Farbseiten in Magazinen waren sehr rar, weil wahnsinnig teuer. Unterbrochen wurden die tristen Textseiten nur durch Anzeigen. Man freute sich natürlich, wenn die interessant waren. Übrigens: Die ersten interessanten Anzeigen stammten von der GGK und von Demner & Merlicek.Manchmal gab es schöne farbige Cartoons von Erich Eibl. Mir fällt ein, dass ich mich bei dem damals vorgestellt habe, beeindruckt von seinem Strich. Frisch von der Schule, ängstlich und mit neuer Hose stand ich vor ihm, und er erklärte mir in Ruhe die Arbeit eines Layouters. Ich fand das alles sehr aufregend, aber genommen hat er mich dann doch nicht.Vieles hat sich seit damals verändert. Das Logo wechselte zum Beginn der achtziger Jahre von Schwarz zu Rot zu Weiß auf rotem Rahmen und mit schwarzem Schatten. Das Heft wurde dicker, die Anzeigen mehr. Auch am Layout sind die Achtziger später nicht spurlos vorübergegangen. Es tauchten kursive Headlines, Kapitälchentitel, graue Balken und Farbe auf. Richtig große Farbfotos. Und sogar eine Infografik! Auf Seite 27 der Ausgabe vom 9. April 1985. In Hellgelb, Fleischfarben und Lindgrün gehalten. Und das neun Jahre, bevor es "Focus" gab.Typografisch wurde profil danach zum Glück wieder etwas schlichter, und man gewann den Eindruck, dass die profil-Layouter sich gestalterisch etwas ausruhten. Beim "Spiegel" übrigens auch. Nur bei "Time" hat man immer wieder behutsam optisch nachjustiert.1993 legte man bei profil wieder einen Zahn zu. Das Logo stand nicht mehr auf dem roten Rahmen. Das Layout wurde moderner – und die Konkurrenz größer, übrigens auch beim "Spiegel". Neue Nachrichtenmagazine erschienen. Ein Wettkampf nicht nur der Redaktionen, sondern auch der Gestalter begann. "Focus" holte sich Infografiker aus Amerika. "News" holte sich Gestaltung aus Deutschland.Neue TrendsWas ein Klassiker in so einer Situation zu tun hat? Er sollte sich auf seine Wurzeln und Stärken besinnen. Die bestehen in Kreativität, Mut und Klarheit. In nächster Zukunft werden Nachrichtenmagazine – so meine Meinung – wieder etwas kühler und sachlicher gestaltet werden, in der Farbwahl sicherer, im Layout ausgewogener, in der Heftdramaturgie mehr optischen "Flow" haben. Die Infografiken werden aufwändiger und professioneller, aber nicht überladen sein. Die Fotoshop-Filter und Gimmicks der Grafikcomputerprogramme sind ausgereizt. Es muss nicht immer alles blinken, klicken, blenden und hektisch Jugendlichkeit ausstrahlen. Junge Zielgruppen spricht man ja auch nicht permanent mit "Hey, du da!" an. Natürlich beziehen sich Layouter von Nachrichtenmagazinen in ihrer Gestaltung auf Trends, die aus der Architektur- oder Musikszene stammen oder ganz direkt von Zeitschriften aus England kommen. Manchmal auch aus Spanien oder Frankreich.Die neue Computertechnik ist für Gestalter Fluch und Segen zugleich. Einerseits ist alles viel schneller zu realisieren, anderseits verliert man durch diese Geschwindigkeit oft den klaren Blick für das Wesentliche. Die Chance, ein gutes Layout zu entwickeln, ist durch die aktuelle Technik für alle Gestalter auf der Erde gleich. Nur Österreich hat einen gewissen Vorsprung. Der fiel mir auf, als ich folgende Zeile in einer Anzeige in einer der ersten Ausgaben von profil las: "Er verbraucht so um die 18 Liter. Der neue Alfa Romeo 2-l." Das lässt mich wiederum daran glauben, dass man in Österreich nicht nur kreativer, sondern einfühlsamer als in anderen Ländern ist. In Deutschland würde man sagen, mehr Chuzpe hat. Aber genau das ist unsere Stärke.Daraus entsteht die beste Gestaltung.

31.May.1999
profil, Wien. — ZEITZEUGE
31.May.1999
profil, Wien — Horst Christoph