December 27th, 2001
Mannheimer Morgen
Ihr Gesicht ist Kapital und Kunstwerk zugleich, ihr Leben gleicht einem Tanz zwischen den Welten
Roland Mischke
Vor 100 Jahren, am 27. Dezember 1901, wurde Marlene Dietrich geboren, der grösste und zugleich umstrittenste deutsche Star
Eine Frau mit Stentorstimme. "Hier spricht Marlene Dietrich. Stellen Sie doch Ihren Antworter lauter. Ich muss Sie sprechen, dringend! Wo sind Sie denn?" Herbst 1991. Anrufbeantworter sind noch nicht weit verbreitet, ihre Funktion wird mitunter verkannt. Die versteckte Diva hat jedenfalls keinen in ihrer Pariser Wohnungsfestung. Wer ihre Nummer zugespielt bekommt und anruft, hat sie gleich selbst am Apparat. Obwohl sie sich als die Haushälterin ausgibt und stereotyp auf französisch lügt: "Madame ist nicht da." Ihre Zugehdame hat sie längst entlassen müssen, es ist nicht mehr genügend Geld da im Hause Dietrich. Marlene telefoniert, tippt ihre Briefe selber auf der Schreibmaschine und fragt den Maler Gottfried Helnwein: "Wissen Sie mir nicht ein Geschäftchen?" Der gehört, seitdem er das Plakat für ihren letzten Kinofilm "Marlene" von Maximilian Schell (1983) - mit bizarren Interviewszenen, in denen man sie reden, lachen und schimpfen hört, aber kein einziges Mal zu sehen bekommt -, geschaffen hat, zu ihrem geschrumpften Freundeskreis, den "Sacred Seven", den heiligen Sieben.

Für eine hohe Summe erwirbt er zwei ihrer Filmkostüme aus Hollywood-Streifen. Noch in der originalen Chanel-Verpackung, von ihr beschriftet in der grossen steilen Kinderschrift. In der sie bis zuletzt gelegentlich auch durch ein dick unterstrichenes "personally" klarstellt, dass sie höchstselbst schrieb. Sie benutzt gern goldfarbene Filzstifte.

Ein bekanntes deutsches Magazin will anlässlich ihres 90. Geburtstags und mehr als zehn Jahre nach ihrem radikalen Rückzug des legendären Leinwandstars aus der Öffentlichkeit ein Interview. Thema: letzte Worte. Marlene Dietrich spricht aus ihrer selbstgewählten Verbannung. "Klopfen Sie doch mal an bei ihr", lautet der Auftrag. Gesagt, getan. Und der einzige Weltstar, den Deutschland je hatte, lässt sich auf die Anfrage ein, will wissen, welche Fragen gestellt werden sollen und vor allem wie hoch das Honorar ausfallen wird, ruft sogar an, um nachzuhaken, und ist offenkundig willig, ein letztes Mal Auskunft zu geben.

Auf die Zustellung des sorgsam austarierten Fragenkatalogs erfolgt keine Antwort mehr, telefonisches Nachforschen nach angemessener Zeit, es ist Frühjahr 1992, geht ins Leere. Marlene nimmt den Hörer nicht mehr ab. Als letzte telefonieren Ende April ihr Biograph David Bret und Renate und Gottfried Helnwein mit ihr. Da hat sie wohl schon einen leichten Schlaganfall hinter sich, kann nur noch unter höchster Anstrengung artikulieren, lallt minutenlang. Am 6. Mai stirbt sie in ihrer Pariser Wohnung, ihr Enkel Peter Riva ist bei ihr. Tochter Maria Riva kommt erst zwei Tage später und präsentiert bald darauf ihre Enthüllungsbiographie, in der sie behauptet, ihre Mutter habe sich nie richtig um sie gekümmert. Das Buch erscheint pünktlich zum Begräbnis.

Die sterblichen Überreste der Dietrich werden nach Berlin übergeführt. Nach dem Krieg hatte Marlene, in Diensten der US-Streitkräfte, nicht gewagt, in ihrer Heimatstadt eine Wohnung zu nehmen. Während einer Gasttournee durch Deutschland 1960 schlägt dem "blauen Engel" blanker Hass entgegen, sie gilt als Verräterin. Vor allem Frauen verzeihen ihr nicht, dass sie auf "der falschen Seite" stand und in amerikanischer Uniform drei Jahre lang die Frontmoral der Boys stärkte, indem sie für sie sang und neben ihnen im Schlafsack unter freiem Himmel nächtigte. Männer sind eher an ihrem unterkühlten Sex Appeal interessiert. Mit rauchiger Stimme singt sie den Bob-Dylan-Song "Sag mir, wo die Blumen sind . . .". Als Marlene in einen Orchestergraben stürzt, meint der Veranstalter, das sei eine gute Gelegenheit, die Tournee abzubrechen, ohne das Gesicht zu verlieren. Empört zieht sie die Sache bis zum Ende durch - und kehrt nie mehr auf eine deutsche Bühne zurück.

Marlene Dietrich galt einmal das Staunen der Welt, sie war der Schmetter-ling der Leinwandkultur, die Unerreichbare. Bis zuletzt hält sie die Inszenierung durch. Obwohl sie gejagt wird, immer auf der Flucht in Verteidigung ihres Gesichts. 1978 hat sie den Vorhang das letzte Mal fallen lassen, 1979 ihre Autobiographie "Nehmt nur mein Leben" vorgelegt, danach die Presse, aber auch Freunde und Bekannte nicht mehr vorgelassen. Sie lebt völlig zurückgezogen in der Avenue Montaigne in Paris, nahe den Champs Elysées, im selben Haus wie die verstoßene kinderlose persische Kaiserin Soraya

Der Portier beantwortet Fragen mit der Standardantwort: "Eine Madame Dietrich kenne ich nicht." Niemand wird hinauf gelassen in ihre weitläufige Wohnung, Paparazzi lauern ihr jahrelang vergeblich auf. Einmal schaffen sie es, im Hinterhof eine Hebebühne zu installieren, von der aus sie in ihre Wohnung hinein fotografieren wollen. Der Portier merkt es noch rechtzeitig. Seitdem sind in der Wohnung der Dietrich auch tagsüber die Vorhänge zugezogen. Dennoch tauchen in einer Illustrierten verwackelte Fotos ihrer Räume auf. Schnell stellt sich heraus, dass sie wohl von Maria Riva stammen, das Verhältnis der beiden ist angespannt.

Dann geschieht Ungeheuerliches: Beim Concierge, einem "feschen jungen Mann", wie Marlene sagt, funktioniert ihr Alarmsystem nicht. Er dringt nachts in ihre Wohnung ein, steht plötzlich vor ihr, fotogra-fiert sie mit Blitzlicht, verschwindet ohne ein Wort. Bietet das Bild für eine horrende Summe einer Münchner Illustrierten an, deren Redakteure entsetzt in das Gesicht eines zu Tode erschrockenen blauen Engels schauen. Das Foto, teuer erworben, wird nicht veröffentlicht. Eine andere Zeitschrift erhält zur selben Zeit das Bild einer alten Frau im Rollstuhl zugespielt, und bringt es. Marlene spricht mit den Helnweins darüber, wird auf einmal kokett. "Finden Sie mal raus, wie ich da aussehe? Bin ich im Schlafzimmer? Sitze ich im Sessel? Oder bin ich nackt?"

Ihr Gesicht war ihr Kapital, ihr Kunstwerk, das, was sie der Nachwelt hinterlassen wollte. Marlene Dietrich wollte nicht als Greisin in Erinnerung bleiben. Ein japanischer TV-Sender bietet ihr drei Millionen Dollar für drei Minuten vor der Kamera - sie lehnt ab. Obwohl sie mit einem Mal saniert wäre, obgleich sie - eines ihrer wichtigsten Anliegen - der Tochter "etwas hinterlassen" könnte. Typisch preußische Offizierstochter: Pflichterfüllung bis zuletzt. Die Dietrich ist ein Star, aber chronisch finanzklamm. Ihre Filmgagen waren nie hoch, sie war stets schlecht beraten. 1953 seift ein Kosmetikkonzern mit ihrem Konterfei die Zielgruppe ein und sahnt ab - als Honorar erhält Marlene pro Monat eine Seifen-Kassette. Auch hat sie ihr Geld nicht gut angelegt. Renate Helnwein, welche die Schauspielerin in Paris oft besuchte, ohne sie je zu Gesicht zu bekommen, sagt: "Ich kann nicht verstehen, warum man unbedingt ein Bild von der alten Frau wollte, warum man ihren Rückzug nicht akzeptiert hat. Ich saß oft in ihrem Wohnzimmer, aber ich hätte sie nicht sehen wollen. Mit ihr nur zu reden war authentischer. Marlene hat gemerkt, dass wir fasziniert waren von ihrem Mythos, dass wir respektierten, dass sie bis zum Schluss die Schönheit bleiben wollte, zu der sie sich zeitlebens stilisiert hat. Das hat uns nahe gebracht."

In Wahrheit ist Marlene keine Diva. "Ich habe diese Legende immer gehasst", sagt sie. Und verrät: "Ich war nicht erotisch, ich spielte nur." Ihre frühen Erfolge nennt sie "Kramfilme, Kitsch und Dreck". In Beverly Hills kämpft sie gegen die amerikanische Küche mit deutschen und österreichischen Spezialitäten an: Leberknödel, Sau-erkraut, Kohlrouladen und Gurkensalat. Und von ihrem Mann Rudolf Sieber, den sie 1923 heiratete, lässt sie sich bis zu dessen Tod 1976 nicht scheiden. Dem machen ihre Liebhaber nichts aus, auch nicht lesbische Exkursionen. Marlene ist eigenwillig, aber ganz praktisch besorgt um Menschen, die ihr nahe stehen. Privat ist sie nicht glamourös, sondern bodenständig. "Wie geht es Ihnen?" fragt sie am Telefon, und das ist nicht rhetorisch. Sie kassiert die Antwort mit Genugtuung. Wird kantig, wenn sie es für nötig hält. "Menschenskind", zitiert sie Friedrich Hollaender, "warum glaubst Du bloß, dass Dein Schmerz, Dein Leid die größten sind?" Dazu lacht sie verhalten.

Gottfried und Renate Helnwein kommunizieren in den letzten acht Jahren der Dietrich ständig mit ihr. Als sie das erste Mal in ihre Wohnung eingelassen werden, empfängt sie Madame Davis, die Haushälterin, und führt sie durch die Räume. Die Helnweins erinnern sich an "dunkle Möbel, schwere Vorhänge, Regale, mit Büchern überladen, eine Couch mit einer Plastikplane abgedeckt. Die Wohnung sah ver-lassen aus, als habe Marlene eine lange Reise angetreten und vorher alles geordnet." Als sie im Wohnzimmer Platz nehmen und Koffer, Kisten und Kartons unter dem Flü-gel, voll mit Erinnerungsstücken, alle von der Besitzerin ordentlich beschriftet, betrachten, ertönt aus dem Schlafzimmer eine Triller-pfeife.

Madame Davis geht hinüber, um Anweisungen entgegenzunehmen. Sie hören sie sprechen, diese feierliche, dramatische, herrische Stimme. Die Konversation läuft mit Zetteln. Wird Marlene die Prozedur zu umständlich wird, pfeift sie ungeduldig, das Gespräch wird per Haustelefon fortgesetzt. "Marlene sprach plötzlich deutsch, in diesem Moment waren wir zu ihren Vertrauten geworden", erinnert sich Gottfried Helnwein. "Sie sagte: " Es gibt niemanden mehr. Meine Freunde und Weggefährten sind alle tot. Die Leute haben nur noch ein kommerzielles Interesse an mir, sogar meine Tochter.'"

Bereits in ihrem Buch "Ich bin, Gott sei Dank, eine Berlinerin" (Ullstein, 1978) ahnt Marlene Dietrich ihr Ende: "Was bleibt, ist die Einsamkeit . . . Wichtig ist, einen Kokon um sein Herz zu spinnen, den Einfluss der Vergangenheit zurückzudrängen." Sie will bis zuletzt als das Kunstprodukt ihres Zeremonienmeisters Josef von Sternberg, mit dem sie ihre wichtigsten Filme gedreht hat und der sie nach Hollywood holte, respektiert werden. Im "Blauen Engel" war sie noch die lebenslustige Lola, "von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt". Dann wird sie zur Femme fatale mit hochmütigem Augenbrauenschwung, verlängerten Wimpern und durch Make-up vergrößerten Augen - die eindrucksvollste Star-Inszenierung der Filmgeschichte. Ein androgynes Wesen, dem alle Männer hinterher sind und das, so in "Morocco" (1930), auch eine Frau küsst.

Bis heute gilt Marlene, wie sie rittlings mit Strapsen auf dem Stuhl sitzt, als "offizielles Markenzeichen". Sie hat ein kühles, distanziertes Verhältnis zum eigenen Körper. Dass ihre langen Beine ständig betont werden, amüsiert sie, aber sie findet in Ordnung, was der Mythenbildung dient. Sie ist nie nackt. Dafür nimmt das prominenteste Forever-young-Opfer ein langes Alleinsein in Kauf. Am Ende residiert sie zwischen Laken in einer Scheinwelt. Eine krakelige Skizze, nach ihrem Tod gefunden, zeigt ein großes Rechteck mit einem Mittelpunkt. "BED" hat sie hineingeschrieben. Das Bett, ihre letzte Zuflucht. Ein Star ruft aus der Gefangenschaft seines Mythos um Hilfe. "Stellen Sie doch Ihren Antworter lauter. Wo sind Sie denn?"

Bis 17. Februar läuft die Ausstellung "Forever Young" im Filmmuseum Berlin, Potsdamer Platz, Di-So 10-18 Uhr, Do bis 20 Uhr, Eintritt frei. Gezeigt werden Dokumente aus dem Nachlass. www.marlene.com, www.filmmuseum-berlin.de. Eine Stadttour führt von den Schauplätzen ihrer Jugend bis zum Grab in Friedenau. www.stadtverfuehrung.de/madiet.htm.

Vor 100 Jahren, am 27. Dezember 1901, wurde Marlene Dietrich geboren, der größte und zugleich umstrittenste deutsche Star
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