DISKUSSION IM SCHWEIZER BUNDESRAT ÜBER HELNWEINS PLAKAT ZU URS WIDMERS THEATERSTÜCK " JEANMAIRE"
Das Schweizer Parlamentwww.parlament.chRéponse du Conseil Fédéral28. September 1992
Pièce de théâtre consacrée à l'affaire Jeanmaire
Ruckstuhl Hans - Frage: — Im Herbst dieses Jahres soll der Fall Jeanmaire durch sogenannte Kulturschaffende auf der Bühne vermarktet werden. Nach dem Stil der Ankündigung ist zu schliessen, dass das Theaterstück weder förderungs- noch beachtenswert ist. Frage: Hat das zuständige Departement aus der Entgleisung mit den 156er-Nummern nichts gelernt? Warum stellt die SBB Infrastruktur zur Verfügung und hilft mit, dass skrupellose Geschäftemacher durch die geschmaklose Vermarktung eines Verstorbenen ihre Kasse füllen?
GENERAL-SKANDAL IN BERN
Der SpiegelKultur21. September 1992
Gottfried Helnwein, provokanter Bildkünstler aus Österreich eckt wieder einmal an.
Sein Plakat zu Urs Widmers neuem kritischen Dokumentar-Drama "Jeanmaire. Ein Stück Schweiz", auf dem der Anfang des Jahres verstorbene General aller Ehren entblösst dasteht, wurde von der "Allgemeinen Plakatgesellschaft" abgelehnt - polizeilich gedeckte Begründung: Das Werk verstösst "gegen Anstand und Sitte". — Helnwein hingegen findet, sein Jeanmaire-Portrait enthalte "die Essenz der Geschichte" vom angeblichen Landesverräter, der als Sündenbock profilerpichter Politiker 1976 nach einem Geheimprozess für 12 lange Jahre hinter Gitter wanderte.
DER NACKTE JEANMAIRE
Schweizer IllustrierteCoverstoryby Carl Just14. September 1992
Jeanmaire erregt die Schweiz von neuem: Das Plakat zu "Jeanmaire - ein Stück Schweiz" zeigt den "Landesverräter" völlig nackt! Und noch bevor es hing, wurde das provokative Bild des österreichischen Kultkünstlers Gottfried Helnwein verboten.
Die Hosen hat er ihm runtergelassen, den Brigadierhut durfte Jeanmaire behalten: Gottfried Helnwein, österreichischer Kultkünstler, in seinem Atelier in Burg Brohl bei Bonn mit dem Original zum Theaterplakat.
JEANMAIRE AU THÉÂTRE
Le MatinLausanneVincent Donzé25. September 1992
Il ne peut pas se retourner dans sa tombe: ses cendres ont été dispersées. Mais la mémoire de Jean-Louis Jeanmaire est-elle salie par une affiche montrant l'ancien brigadier dans le plus simple appareil? Justement: l'appareil étatique l'a mis à nu bien avant l'artiste autrichien. Lequel de ces deux déshabillages aura-t-il déshonoré «l'espion du siècle» dénoncé par l'ancien conseiller fédéral Kurt Furgler?
POSTKARTE -- DER GERECHTIGKEITSBRUNNEN IN BERN, by Urs Widmer
Neue Zürcher ZeitungNZZ FOLIO 11/9201. November 1992
Ich habe ein Stück über Jeanmaire geschrieben und über die Schweiz im kalten Krieg. Gottfried Helnwein, ein Maler aus Österreich, hat ein Plakat dazu gemalt. Darauf sieht man Jeanmaire, den verwirrten Offizier, nackt vor dem untersuchenden Beamten, genau so, wie es ihm am 9. August 1976 geschehen ist. Ich weiss nicht, wie oft diese Methode, einem Menschen gleich zu Beginn einer Untersuchung seine Würde zu nehmen, in der Schweiz angewandt wird. Sie wurde es jedenfalls damals. Und nun sind manche empört und sagen, die Darstellung der Entwürdigung sei würdelos. Sei sogar so etwas wie Leichenfledderei, weil Jeanmaire ja zu Beginn dieses Jahrs gestorben ist. Der Bote, der die schlechte Nachricht überbringt, wird wieder einmal unter Anklage gestellt, während die schlechte Nachricht selber so ungefähr jeden unbeeindruckt liess. Das Bild löst endlich und spät jene Erregung aus, die der Wirklichkeit viel früher hätte gelten sollen.
In effigie: Wieder wird eine Diskussion auf die Bildebene verschoben, um sie nicht auf der Ebene der Wirklichkeit führen zu müssen. - Das einzige, was mich ängstige, als ich Helnweins Plakat zum erstenmal sah, war die Reaktion der Angehörigen Jeanmaires. Hätten sein Sohn und seine Lebensgefährtin nicht ihre Zustimmung gegeben, und zwar begeistert, wären sie erschrocken, verletzt, entsetzt gewesen, dann allerdings hätte auch ich gemeint, dass wir nicht mit diesem Plakat werben dürften, das verständlicherweise keinen unberührt lässt. Sein Skandal ist, meine ich, nicht das Schwänzchen, auch nicht der Brigadierhut, und nicht mal die Kombination von beidem, sondern die Wahrhaftigkeit, mit der wir einen alten Mann sehen. So sehen wir aus, so armselig, so ohne Trost. So sehen wir auch aus, wenn wir Brigadier sind.
Urs Widmer lebt als Schriftsteller in Zürich. Sein Stück, «Jeanmaire. Ein Stück Schweiz», wird in Bern gespielt.
"Ein guter Soldat"
John Le CarréList TaschenbuchISBN 3-548-60391-2
Stalingrad - das war was!
von Barbara KellerVom distinguierten Schweizer General über den meistgehassten Landesverräter zur Spottfigur der Litfass-Säulen. Diese etwas eigen anmutende Karriere kommt dem 1977 wegen Spionage für Russland verurteilten Schweizer Exgeneral der Luftschutztruppen Jean-Louis Jeanmaire zu. Carré besuchte den 1991 noch um seine Rehabilitation kämpfenden Verfemten und bildete sich sein eigenes Bild. - Aus dem die eindrückliche Reportage "Ein guter Soldat" wurde.
...Das Finale bilden der "gesunde Schweizer Volkszorn", 18 Jahre Haftstrafe und eine gesundheitlich zerstörte Ehefrau. Viel später wird Jeanmaire seine Rehabilitation bewirken. Aber sie rettet ihn nicht davor, zum Symbol der verquasten Schweizer Verhältnisse und Volksseele zu mutieren. Der österreichische Kultkünstler Gottfried Helnwein stellt 1992 ein Plakat her, das Jeanmaire nackt zeigt - bekleidet nur mit seinem Generalskäppi. So, wie er am Tag seiner Verhaftung vor den Bundespolizisten, die ihn auch verhörten, stand. Jeanmaire, dem die Uniform, das Militär alles war.