June 6th, 2018
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Schauen Sie einfach nicht hin!
Stefan Weiss
Helnwein über seine Ringturm-Verhüllung
Mitte Juni soll sie fertig sein, die jährliche Verhüllung des Wiener Ringturms im Auftrag der Wiener Städtischen Versicherung. Gestaltet wird sie diesmal von Gottfried Helnwein. Der Künstler sieht sich in der Tradition von Goya und Picasso, auch sie haben die Kriege ihrer Zeit in ihrer Kunst festgehalten. Das sei eine Notwendigkeit, meint Helnwein. Wir haben ihn per E-Mail in seiner Wahlheimat Los Angeles erreicht.

Helnwein:Vor 200 Jahren hat Francisco Goya die Gräueltaten der Soldaten Napoleons und der Aufständischen spanischen Bevölkerung in einer Reihe von Radierungen festgehalten. Es ist das erste Mal in der Kunstgeschichte, dass Krieg nicht als Heldentat und Verherrlichung der Sieger dargestellt wurde, sondern als das, was er wirklich ist: die Bestie Mensch auf seiner niedersten Stufe. Goya ergreift nicht Partei, in seiner Darstellung gibt es nur Verlierer. Leichenberge, Verstümmelte und Wahnsinnige, die sinnlos aufeinander einhacken, stechen und schießen. Es war der verzweifelte, wenn auch wahrscheinlich hoffnungslose Versuch, diesen Irrsinn in seinen Bildern für immer festzuhalten damit die Menschheit diese Ereignisse nie mehr vergessen möge.Es gibt also in der Kunstgeschichte neben der Hof- und Salonmalerei oder der heute so beliebten Investment- Kunst auch eine Tradition von Künstlern, die sich mit den elementaren Fragen menschlicher Existenz und deren Abgründen auseinandersetzen.

Mit der Bezeichnung Investment-Kunst meine ich Objekte, die in erster Linie zum Zweck der Investition und Spekulation für einen kommerziellen Kunstmarkt hergestellt und vermarktet werden. “Pink Ballon Poodles” zum Beispiel. Natürlich können Sie auch Goyas Radierungszyklus 'Die Schrecken des Krieges' käuflich erwerben, das degradiert sein Werk noch lange nicht zur “Investment-Kunst”

Die Welt befindet sich seit dem Ende des zweiten Weltkrieges immer noch in einem permanenten Kriegszustand. In diesen Kriegen starben bisher heute etwa 50 Millionen Menschen, ganze Nationen wurden in die Steinzeit zurückgebombt und versanken im Chaos. Keine dieser militärischen Interventionen hat jemals irgendein Problem gelöst, oder irgendjemandem geholfen, außer dem Military Industrial Complex und dessen Banken. Und da das Geschäft mit dem Tod gar so gut läuft, werden die Kampfhandlungen auf immer neue Länder ausgeweitet.Womit ich mit meiner Arbeit hinaus will? Vielleicht hat meine Arbeit genau mit diesen Dingen zu tun, die ich einfach nicht aus dem Kopf kriege.

Dieser Verdacht kann sich einem schon aufdrängen, wenn man sieht, wie trotz gigantischer Staatsschulden, weltweiter Wirtschaftskrise und Sparmaßnahmen im Sozialbereich, Unterricht und Kultur die Militärbudgets ständig weiter erhöht werden. Noch nie sind so viele Waffen produziert und exportiert worden. Obwohl die Nato jährlich bereits 900 Milliarden Dollar für Rüstung ausgibt, fordern die USA Europa ständig auf, noch mehr aufzurüsten.Man kann sich natürlich fragen ob dieses Geschäft den Preis wirklich wert ist.Madeleine Albright, US Secretary of State, beantwortete diese Frage 1996, in einem Interview in '60 minutes': ‘Wir sind der Meinung, 500 000 Tote Kinder im Irakkrieg sind den Preis wert’.

Die Jugendrevolte der 60er-Jahre war der letzte Versuch sich gegen ein System aufzulehnen, das für zwei Weltkriege und den Holocaust verantwortlich war. Die linke Studentenschaft wollte damals den ‘Marsch durch die Institutionen’ antreten. Bei diesem Marsch haben aber leider die Institutionen gewonnen. Fischer, Schily und Mahler sind links unten hineinmarschiert und ganz rechts oben sind sie wieder herausgekommen. Man kann es ruhig sagen: Das amerikanische, raubkapitalistische System hat den endgültigen und totalen Sieg errungen.

Noch nie war die Kluft zwischen Arm und Reich so gross wie heute. Das reichste Prozent der Menschheit besitzt heute mehr als der gesamte Rest. Und die Schere geht immer weiter auf.

Der ganze Planet ist fest im Griff eines Systems, das Pasolini schon in den 60er-Jahren als Konsumterror, als den neuen Faschismus, bezeichnet hat. Die Überflutung der Menschen mit überflüssigen Konsumprodukten, schwachsinnigem Entertainment, Kitsch und Gewalt in Massenmedien, Filmen und Computerspielen haben die Menschen desensibilisiert und in einen Zustand von Apathie getrieben. Systemkritisches Denken und einen nennenswerten politischen Widerstand gibt es heute kaum mehr.

Niemand hat je hinterfragt, warum in Amerika eines Tages Kinder begonnen haben, in Schulen andere Kinder mit Maschinenpistolen niederzumähen. Und inzwischen akzeptieren wir das als Teil des American Way of Life, wir haben uns daran gewöhnt. Kinder, die Massenmorde an Kindern begehen, das hat es in der gesamten Geschichte der Menschheit noch niemals gegeben. Das ist neu. Wenn Kinder beginnen, andere Kinder zu töten und sich dann selbst richten, ist das ein sicheres Anzeichen für das Sterben einer Zivilisation. Statt sich um die Erziehung ihre Kindern zu kümmern, stopft man sie hier mit Psychopharmaka voll, überlässt sie dem Internet, und ist froh, wenn man sie los ist.

Es war nie meine Absicht, irgendjemanden zu schockieren, es ist eher so, dass mich die Gesellschaft, in der ich lebe, immer wieder schockiert. Meine Arbeit ist lediglich ein Versuch, mich dagegen zu wehren und zurückzuschlagen. Bei meiner Retrospektive in der Albertina vor ein paar Jahren war Direktor Klaus Schröder ganz erstaunt, immer wieder Menschen zu sehen, die vor meinen Bildern standen und weinten. Ich erlebe das immer wieder. In einer Museumsausstellung in San Francisco hat mich eine Besucherin spontan umarmt und sich bei mir bedankt, sie sagte “Sie wissen vielleicht gar nicht wie wichtig es ist, dass Sie ihre Bilder gerade hier und jetzt zeigen”.

In den letzen Jahren haben mir in Österreich immer wieder Menschen, darunter viele Journalisten, gesagt, dass meine Bilder ein wesentlicher Teil ihrer Kindheit gewesen seien, die sich ihnen schon sehr früh tief eingeprägt hätten. Ich war überrascht und es hat mich sehr berührt. Welcher Maler kann das schon von seinem Werk sagen?Eine Frau hat mir erzählt, dass sie als 14-Jährige das erste Mal meine frühen Arbeiten mit den verwundeten Kindern gesehen hat und völlig erschüttert war. Sie begann zu zittern und zu weinen und brach zusammen. Erst langsam wurde ihr bewusst, dass diese Bilder etwas in ihr aufgewühlt hatten, das sie all die Jahre völlig verdrängt hatte: sie war als Kind missbraucht worden. Sie sagte, dass ihr die Auseinandersetzung mit meinen Bildern letztlich geholfen hätten, das Trauma zu überwinden.

Kunst ist niemals demokratisch. Ganz im Gegenteil: Jedes relevante Kunstwerk entsteht durch die willkürliche, eigensinnige und diktatorische Entscheidung eines Künstlers. Aber aufzwingen sollten Sie sich nichts lassen. Ein guter Rat: Wenn Ihnen ein Kunstwerk nicht gefällt: schauen sie einfach nicht hin.

Kunst braucht keine Aufgaben und keine Regeln, das einzige was sie braucht ist absolute Freiheit. “Kunst darf alles”, wie Kandinsky sagt.