December 31st, 2021
report-K.de
Yilmaz Dziewior: Kölns Mann für Venedig
Interview mit dem Direktor des Museum Ludwig in Köln
Es gibt eine „Replik“ des österreichischen Malers Gottfried Helnwein auf diese Richter-Arbeit, nachdem u.a. Alice Schwarzer kritisiert hatte, dass Richter keine Frauen gezeigt hatte.Diese 48 Frauenportraits aus dem Jahr 1991, 1994 von Peter und Irene Ludwig erworben, gehören heute auch dem Museum Ludwig. Yilmaz Dziewior: Die „Replik“ des österreichischen Malers Gottfried Helnwein, 48 Frauenportraits aus dem Jahr 1991, 1994 von Peter und Irene Ludwig erworben, zählen zum Sammlungsbestand des Ludwig Forum in Aachen. Die Fotoserie zu dieser Arbeit befindet sich in Sankt Petersburg.
Installation "48 Portraits" by Gottfried Helnwein and "48 Portraits" by Gerhard Richter
"Undeniable Me", exhibition at the Galerie Rudolfinum, Prague
48 Portraits" by Gottfried Helnwein and "48 Portraits" by Gerhard Richter 2011
"Undeniable Me", exhibition at the Galerie Rudolfinum, Prague

Die Arbeit von 48 Männerportraits, die Gerhard Richter 1972 für den Deutschen Pavillon malte, zählt zu den Hauptwerken des Künstlers. In ihnen kristallisiert sich eine absichtsvolle Uneindeutigkeit, die sich durch das gesamte Werk von Richter als konzeptuelle Strategie zieht. Der Wunsch des Betrachters inhaltliche Deutungen in Bezug auf die Auswahl der Portraits vorzunehmen, wird dadurch provoziert, dass es sich bei den aus ursprünglich insgesamt 270 Portraits aus Enzyklopädien und Lexika nur zwischen 1824 und 1904 geborene, mitteleuropäische oder amerikanischer weiße, männliche Persönlichkeiten handelt. Dabei fällt auf, dass bei dieser Auswahl berühmter Persönlichkeiten weder Frauen, Politiker oder Künstler vertreten sind. Deshalb stellt man sich automatisch die Frage, wer definiert Zeitgeschichte.

Die „Replik“ des österreichischen Malers Gottfried Helnwein, 48 Frauenportraits aus dem Jahr 1991, 1994 von Peter und Irene Ludwig erworben, befinden sich nicht im Museum Ludwig in Köln, sondern zählen zum Sammlungsbestand des Ludwig Forum in Aachen. Die Fotoserie zu dieser Arbeit befindet sich in Sankt Petersburg.

Köln | Christoph Mohr | Yilmaz Dziewior ist Direktor des Museum Ludwig in Köln. Und nun auch Kurator des Deutschen Pavillons auf der Biennale di Venezia 2022. Aber was macht eigentlich ein Kurator? Und warum ist die Kunst-Biennale von Venedig so wichtig?

Interview: Christoph Mohr

Yilmaz Dziewior: Die Biennale Venedig ist deshalb so bedeutend, weil Sie die Mutter aller Biennalen ist. 1895 wurde Sie gegründet, findet alle zwei Jahre statt und hat sich als Erfolgsmodell und Vorläufer für andere Biennalen in der Welt etabliert. Sie ist sowohl für das Fachpublikum interessant als auch ein großer Tourismusmagnet für Venedig.

Eigentlich besteht nicht wirklich eine Konkurrenzsituation zwischen der documenta Kassel und der Biennale Venedig. Durch die Pandemie finden jetzt die documenta Kassel und die Biennale Venedig im selben Jahr statt und ich gehe davon aus, dass viele, die von Übersee die documenta besuchen, auch die Gelegenheit nutzen werden, die Biennale Venedig anzuschauen. Insofern gibt es eher ein Synergieeffekt.

Die Unterschiede zwischen Venedig und Kassel sind gravierend. Vor allen Dingen in den Länderpavillons und den damit verbundenen Fragestellungen. Im Gegensatz dazu ist die documenta eine große Gruppenausstellung. Trotzdem kann es zu Überschneidungen kommen, dass Künstlerinnen und Künstler, die in der documenta ausstellen auch auf der Biennale sei es in einem Pavillon oder einer Themenschau präsent sind.

Ein ausgeprägtes italienisches Verständnis von Kunst und Schönheit kann ich nicht zwingend erkennen. Darüber hinaus ist die Biennale Venedig international.

Die Schönheit von Venedig trägt sicherlich zu einer besonderen Wahrnehmung und Grundverfassung der Besucher*innen der Biennale bei. Dabei verfolgt einen die Geschichte auf Schritt und Tritt, was sich ebenfalls auf die Betrachtung der zeitgenössischen Kunst auf der Biennale auswirkt.

Die Biennale Venedig ist eine der letzten Institutionen, auf der noch Länderpavillons zu finden sind. Das macht sie unter anderem besonders bemerkenswert. Viele künstlerischen Positionen setzen sich deshalb mit der kulturellen und nationalen Identität auseinander, was mitunter zu ganz herausragenden Arbeiten führt.

Die steingewordenen Ideologie der Biennale Venedig lässt sich nicht verneinen. Auch für meine Überlegung bei der Auswahl der Künstlerin Maria Eichhorn spielte die Architektur und die Geschichte des Ortes eine Rolle.

Die Arbeit von 48 Männerportraits, die Gerhard Richter 1972 für den Deutschen Pavillon malte, zählt zu den Hauptwerken des Künstlers. In ihnen kristallisiert sich eine absichtsvolle Uneindeutigkeit, die sich durch das gesamte Werk von Richter als konzeptuelle Strategie zieht. Der Wunsch des Betrachters inhaltliche Deutungen in Bezug auf die Auswahl der Portraits vorzunehmen, wird dadurch provoziert, dass es sich bei den aus ursprünglich insgesamt 270 Portraits aus Enzyklopädien und Lexika nur zwischen 1824 und 1904 geborene, mitteleuropäische oder amerikanischer weiße, männliche Persönlichkeiten handelt. Dabei fällt auf, dass bei dieser Auswahl berühmter Persönlichkeiten weder Frauen, Politiker oder Künstler vertreten sind. Deshalb stellt man sich automatisch die Frage, wer definiert Zeitgeschichte.

Die „Replik“ des österreichischen Malers Gottfried Helnwein, 48 Frauenportraits aus dem Jahr 1991, 1994 von Peter und Irene Ludwig erworben, befinden sich nicht im Museum Ludwig in Köln, sondern zählen zum Sammlungsbestand des Ludwig Forum in Aachen. Die Fotoserie zu dieser Arbeit befindet sich in Sankt Petersburg.

Das Außenministerium beruft den Kurator des Deutschen Pavillons auf Empfehlung einer Expert*innenrunde. Eine Bewerbung ist nicht möglich.

Grundsätzlich hat der Kurator oder die Kuratorin freie Hand in der Auswahl des Projekts und muss allerdings hierfür auch externe Gelder akquirieren. Nach meinem Wissen wurden für die letzten beiden Projekte jeweils ca. zwei Millionen € benötigt. Der Beitrag des Auswärtigen Amtes beträgt 750.000 €. Der Rest muss die Kuratorin oder der Kurator akquirieren.

Im Zuge meiner Auswahl der künstlerischen Position, habe ich in verschiedene Richtungen recherchiert. Ich habe mich mit den thematischen Konzepten, die ich in diesem Zusammenhang relevant finde, auseinandergesetzt und auch über verschieden Gruppenkonstellationen nachgedacht. Außerdem habe ich mich intensiver mit einzelnen künstlerischen Positionen beschäftigt und mich letztendlich für Maria Eichhorn entschieden.

Sicherlich ist die Ernennung zum Kurator des Deutsch Pavillons eine besondere Auszeichnung. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt aber auch, dass sie mit einer großen Verantwortung verbunden ist.

In der Kunst macht Wettbewerb wenig Sinn. Ich freue mich, dass der Deutsche Pavillon so oft den Goldenen Löwen erhalten hat. Allerdings ist er für unsere Arbeit am Deutschen Pavillon vollkommen irrelevant.

Maria Eichhorn ist eine Konzeptkünstlerin, 1962 in Bamberg geboren, die seit ihrem Studium in Berlin lebt.

Die künstlerischen Projekte von Maria Eichhorn sind meist prozessual angelegt und zielen auf die Durchleuchtung und Transformation bestehender gesellschaftlicher Ordnungen.

Immer wieder interessieren sie besonders soziale und ökonomische Systeme. So hat sie beispielsweise eine Aktiengesellschaft gegründet, deren Kapital sich nicht vermehren darf oder ein Haus in Athen in einen Status überführt, bei dem es keinen Besitzer*in gibt. Dabei schätze ich besonders, dass Maria Eichhorn bei aller konzeptuellen Strenge immer wieder humorvolle Aspekte in ihrem Werk vereint.

Nicht zuletzt hat sie sich häufig mit der deutschen Geschichte auseinandergesetzt, wie bei ihrer Arbeit für das Haus der Kulturen der Welt in Berlin oder ihres anlässlich der letzten documenta gegründeten Rose Valland Instituts.

Als Kurator ist es meine Aufgabe, Dinge zu ermöglichen, die Künstlerin zu unterstützen und ihr als Gesprächspartner für ihre inhaltlichen Überlegungen zur Seite zu stehen. Grundsätzlich hat die Künstlerin freie Hand.

Jetzt arbeiten wir erst einmal am Deutschen Pavillon. Im Museum Ludwig hat Maria Eichhorn bereits 2016 an der Gruppenausstellung „Wir nennen es Ludwig“ teilgenommen. Da ich ein großer Fan ihrer Arbeit bin, könnte ich mir durchaus vorstellen, mit ihr noch ein weiteres Mal im Museum Ludwig zu arbeiten. Aber eins nach dem anderen, jetzt erst einmal der Deutsche Pavillon.

Ökologische Fragestellungen spielen schon seit längerem eine große Rolle im Kunstbetrieb. Diese werden auch unser Verhalten zur Biennale Venedig und anderen Großveranstaltungen ändern. Sicherlich werden mehr Menschen mit dem Zug reisen und es sich zweimal überlegen, ob sie wirklich zu bestimmten Ausstellungen fahren werden.

Die Pandemie hat Einfluss in alle Lebensbereiche. Sie hat mich, wie auch viele andere, auch noch einmal stärker für bestimmte gesellschaftliche, ökologische und politische Verhältnisse sensibilisiert.

Mit Zuversicht!