January 2nd, 1988
The poster for Peter Zadek's production of "Lulu" by Frank Wedekind in the Schauspielhaus theatre in Hamburg unleashes a storm of outrage
The Deputy Mayor of Hamburg protests against the poster. A "German-Language Citizens' Initiative for the Protection of Human Dignity" lays charges against Helnwein and Zadek for pornography. The discussion about this image spreads beyond the borders of the country. The Mayor of the City of Vienna, Helmut Zilk, is enthusiastic about the poster and gives Helnwein his hearty congratulations

BÜRGERINITIATIVEN VERKLAGEN PETER ZADEK

21. Februar 1988Welt am Sonntag

Die " Vereinigung Deutschsprachiger Bürgerinitiativen zum Schutz der Menschenwürde in Deutschland, Frankreich, Holland, Italien, Luxemburg, Österreich und Schweiz " hat bei der Staatsanwaltschaft Hamburg Strafanzeige gegen den Intendanten des Deutschen Schauspielhauses Peter Zadek und gegen den österreichischen Künstler Gottfried Helnwein erstattet.
Anlass ist das Plakat, mit dem für die jüngste Schauspielhausinszinierung " Lulu" geworben wird. Das Plakat zeigt einen gnomenhaften Mann vor dem überdimensional grossen entblössten Unterleib der Hauptdarstellerin. Zadek hatte dieses Plakat bei Helnwein entwerfen lassen. — Die Vereinigung der Bürgerinitiativen hält das Plakat für Pornographie. Das Strafgesetzbuch sieht für Herstellung und Verbreitung pornografischer Schriften Freiheitsstrafen bis zu einem Jahr vor.

Helmut Zilk, Der Bürgermeister der Bundeshauptstadt Wien

20. Februar 1988

aber vielleicht verzeihen Sie dem Bürgermeister, dass er Sie und Ihre Arbeit dennoch sehr schätzt.
Mit herzlichen Grüssen, — Dr. Helmut Zilk

UNTER ALICES SCHUTZMANTEL

Stuttgarter ZeitungDagmar Deckstein19. Februar 1988

So musste Alice Schwarzer zunächst das Helnwein - Plakat für Peter Zadeks Stück "Lulu" in Hamburg vor pornographischer Denunziation einer Stuttgarter Mitstreiterin in Schutz nehmen. "Nein, das ist keine Pornographie, auch nicht sexistisch, Hier ist doch eine starke, kräftige Lulu dargestellt, der die Nuttenstrapse etwas verlegen auf den stämmigen Oberschenkeln hängen.
Der alte Mann, der ihr auf die Scham guckt, ertrinkt fast in seinem übergrossen Mantel. Nein das ist keine verführerische Pose, sondern der Künstler entlarvt hier ganz klar die Phantasie des Mannes." — Auch die Schriftstellerin Elfriede Jellinek galt es, vor feministischem Übereifer zu retten: "Sie schreit in ihrer Beschreibung alltäglicher Pornographie doch nur heraus, was pornographisch in sie hineingepresst wurde." Es sei darauf zu achten, ob jemand das sexuelle Elend zum Zwecke der Aufklärung beschreibe oder das Elend zum Zwecke männlicher Lustmaximierung nur fortschreibe.

NEBEN DER REEPERBAHN ERREGT EINE NACKTE FRAU DEN VOLKSZORN

Tages Anzeiger,ZürichBernhard Schneidewind18. Februar 1988

Frauenverachtend? Die veröffentlichte Meinung zitiert die öffentliche Meinung gleich spaltenlang zu diesem "Pussy-Poster" ("Morgenpost"). Zu Wort kam des Volkes Stimme - "zu erotisch", "finde ich pervers", "unästhetisch", "zu anstößig" - ebenso wie die Stellungnahmen der Bürger, die in der Stadt einen Namen haben. Ernst Schönfelder, Direktor der Philharmonischen Staatsorchesters gab sich kulinarisch: " Auf was für Ideen die Leute kommen, wenn sie keine haben. So ein Plakat kann einem den Appetit verderben". Die Leiterin der Hamburger Leitstelle zur Gleichberechtigung der Frau, Eva Rühmkorf, gab sich als Amtsperson:" Meiner Meinung nach ist die Grenze der Künste überschritten. Das Plakat ist eindeutig frauendiskriminierend". Und schließlich, ganz im Trend, die Leiterin des Kunsthauses, Petra von der Osten-Sakken: "Dazu fällt mir nur Alice Schwarzer ein."

WAS ZU BEWISEN WAR, Helnwein schockt Rühmkorf

CommunalWillhelm Pauli18. Februar 1988

Helnwein, der Schöpfer der Ausstattung von Kresniks Macbeth (eine Ausstellung von ihm ist gegenwärtig in der Guinness-Galerie in der Friedrich-Ebert-Anlage zu sehen) hat auch das Plakat fuer Zadeks "Lulu" am Hamburger Schauspielhaus gefertigt.
Darüber hat sich Frau Eva Rühmkorf, Vorsitzende der "Leitstelle Gleichstellung der Frau" beim Hamburger Senat und bundesweit bekannt, empört. — Mit den klassischen Anwürfen "Eindeutig Frauendiskriminierend" und "Die Grenze der Kunst überschritten" fordert sie die Kassierung des Plakates.