Die Arbeiten zur Renovierung des wiener Stadttempels schreiten zügig voran. „Wir sind gut in der Zeit, um zu den hohen Feiertagen im September eine feierliche Eröffnung erleben zu dürfen", berichtet Oskar Deutsch, Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde. Die Synagoge wird derzeit anlässlich des 200. Jahrestages ihrer Errichtung einer Generalsanierung unterzogen. Zur Finanzierung der Gesamtkosten von rund 10,5 Millionen Euro leistet der Maler Gott-fried Helnwein einen Beitrag mit einem für den Anlassgefertigten Bild, das am 16. Juni versteigert und dessen Erlös zur Gänze der Renovierung zufließen wird. Als Motiv hat Helnwein, wie so oft in seinem Schaffen, ein Kind gewählt. „Unsere Zukunft ist in unseren Kindern", sagt er. Im vergangenen Sommer hatte er an der jüdischen Zwi-Perez-Chajes-Schule in Wien-Leopoldstadt mehrere Kinder, die sich für das Projekt beworben hatten, fotografiert. Die Wahl fiel auf einen Buben mit längeren Haaren. „Es sollte nicht um das Geschlecht gehen", meint der Maler, „sondern um das Potenzial, das in jedem jungen Menschen steckt.”
Träume von besserer Zukunft
Das porträtierte Kind hat die Augen geschlossen. „Vielleicht träumt es von einer besseren Zukunft", mutmaßt Helnwein. Er hat dem Werk den Titel „The Child Dreams" gegeben, als Hommage an das gleichnamige Theaterstück des israelischen Autors Hanoch Levin. Als das Werk Anfang der 1990er-Jahre uraufgeführt wurde, sorgte es für einen Skandal. Heute ist es ein Klassiker der israelischen Gegenwartsliteratur, und der 1997 jung an Krebs verstorbene Levin längst in den Kanon der großen Autoren des 20. Jahrhunderts aufgenommen. Das Stück wurde 2010 posthum zu einer Oper bearbeitet und Helnwein gestaltete Bühnenbild und Kostüm. Ein neuer Wirbel ließ nicht lange auf sich warten. Im ersten Akt bildet das riesige Bild eines schlafenden Kindes den Bühnenhintergrund, durch den Soldaten durchbrechen. Im vierten Akt hängen die Körper toter Kinder von der Decke. „Das Stück kann ohne Zweifel unter die deprimierendsten und größte Verzweiflung verbreitenden Werke gereiht werden", schrieb die „Jerusalem Post" nach der Premiere. Für den 1948 geborenen Helnwein steht sein neues Bild in einer Reihe mit seinem lebenslangen Engagement für die Aufarbeitung des Nationalsozialismus: Ich komme aus einer Generation, die mit einem umfassenden Schweigen aufgewachsen ist. Das Einzige, das wir gelernt haben, war der dümmste aller Sätze: Österreich sei das erste Opfer Hitlers gewesen." Zum 50. Jahrestag des November. pogroms 1938 gestaltete er in Köln die be-rühmt gewordene Installation „Selektion" mit Reihen riesiger blasser Kinderporträts, die auf 100 Metern in der Innenstadt gezeigt wurden. Die Attacken von 9. auf 10. November 1938 hat der 1826 von Josef Kornhäusler-baute Stadttempel mit seinem berühmten Deckengewölbe als einzige Synagoge Wiens überstanden. Die Errichtung erfolgte zur Zeit, als die juden volle Bürgerrechte erhielten. Helnwein erinnert an die führende Rolle jüdischer Künstler und Mäzene in der Blütezeit der Monarchie. Nicht alle waren offenbar geschmackssicher: „Es waren jüdische Galeristen, die dem Hitler seine schiachen Bildln abgekauft haben."
“Lassen uns nicht unterkriegen”
Heute ist der Blick nach vorne gerichtet: "Der Stadttempel wird nicht für die Vergangenheit renoviert, sondern für unsere Kinder, die das jüdische Leben in Wien und Österreich weitertragen werden", sagt Deutsch. Ein Teil des Stadttempels wird in Helnweins Gemälde weiterleben. Es wurde auf einem Paneel der ehemaligen Wandvertäfelung aufgezogen. Die Versteigerung findet am 16. Juni im „Auktionshaus im Kinsky" statt. Das Erstgebot liegt bei 50.000 Euro. Bei einer Versteigerung 2023 erzielte ein Werk Helnweins 182.000 Euro. Vielleicht hat das porträtierte Kind die Augen aber auch vor der Gegenwart verschlossen. Deutsch berichtet von einer dramatischen Zunahme des Antisemitismus: „Im Vorjahr wurden mehr als 1500 Vorfälle registriert, bei einer Gemeinde von mehr als 8000 Mitgliedern." Der Präsident der Kultusgemeinde aber ist entschlossen: „Wir werden uns nicht unterkriegen lassen."

AUF EINEN BLICK
Der Stadttempel in der Seitenstettengasse ist Wiens einzige Synagoge, die die Novemberpogrome überstanden hat. Anlässlich des 200. Jahrestages ihrer Errichtung wird sie renoviert. Gottfried Helnwein unterstützt das 10,5-Millionen-Projekt mit dem Kunstwerk .The Child Dreams". Es wird am 16. Juni im Auktionshaus im Kinsky" versteigert.