Gottfried Helnwein zählt zu den bekanntesten, aber auch zu den umstrittensten undbis heute häufig kontrovers diskutierten deutschsprachigen Künstlern unserer Zeit.Seine hyperrealistischen Bilder zeigen oft unschuldige, verwundete, bandagierteKinder, Opfer von Gewalt und Missbrauch. Sie stehen im Zentrum seines OEuvresund machen Helnwein, ebenso wie seine Selbstportraits, weltbekannt. Er greiftgesellschaftliche Tabuthemen auf, seine Bilder handeln von Schmerz, Verletzungund Gewalt, auch vom Nationalsozialismus. Mit ihren inhaltlichen Gegensätzen undihrer Ambivalenz von Schönheit und Gewalt elektrisieren seine Bilder den Betrachterund werden gleichsam zu eindringlichen Mahnmalen unserer Gesellschaft.Helnweins Werk umfasst neben den meist großformatigen Ölbildern auchZeichnungen, Fotografien, Plattencover, Performances, sowie Installationen undBühnenbilder.
Am 8. Oktober 1948 wird Gottfried Helnwein als Sohn eines Beamten derPostdirektion in Wien geboren, wo er seine Kindheit und Jugend verbringt.Aufgewachsen im Arbeiterbezirk Favoriten im Wien der Nachkriegszeit, prägt ihndiese Zeit stark. In zahlreichen Interviews schildert Helnwein die eigene Kindheit alstrist und bedrückend. Seine Kindheitserlebnisse sind der Nährboden für seine Bilder.Als Helnwein fünf Jahre alt ist, bringt ihm sein Vater Mickey Mouse Hefte mit. Dasverändert Helnweins Leben. Obwohl er noch nicht lesen kann, ist er fasziniert, es tutsich "eine fantastische, abenteuerliche Expedition in eine terra incognita"1 auf. Fürihn werden die bunten Comics ein Rettungsanker im tristen Wien der Nachkriegszeit,sie halten der menschlichen Seele einen Spiegel vor, zeigen aber auch, wieSchwächen und Unsicherheiten, Eitelkeiten und Dummheiten, Bosheit, Ängste undNeid überwunden werden können. Helnwein selbst sieht seine katholischeErziehung, die Scheinheiligkeit und die bigotten Moralvorstellungen als Katastrophe,er lehnt sich gegen das repressive System auf, verlässt die Schule und sucht seineAntworten in der Kunst. 1965-1969 geht er an die Höhere Graphische Bundes- LehrundVersuchsanstalt, doch auch hier ist die Ausbildung traditionell undkonformistisch. Helnwein rebelliert gegen die Einschränkungen und malt ein Hitler-Porträt. Ein Skandal, der Wellen schlägt, er wechselt an die Akademie der bildendenKünste Wien, wo er 1969-1973 Malerei in der Meisterklasse von Professor RudolfHausner studiert.Durch provozierende Selbstverstümmelungsakte Anfang der 70er Jahre, bei denenHelnwein bandagiert auftritt, äußert er seine Protesthaltung (Abb. 2) gegenüber demEstablishment. Diese Selbstversuche überträgt er auf die Kinderdarstellungen. Esentstehen Acryl- und Ölmalereien, Fotografien, sowie Performances. 1969 tauchterstmals das Motiv des verletzten und misshandelten Kindes auf, 1971/72 das desbandagierten Kindes, das in seiner Opferrolle Wehrlosigkeit und Ausgeliefertseinverkörpert.Das Kind fungiert hier als Stellvertreter und repräsentiert den wehrlosen,geopferten Menschen. Erste Ausstellungen finden ab 1970 in Wien statt, sie lösenteilweise heftige Proteste aus, werden zum Teil auch geschlossen, auch kommt eszu Beschlagnahmungen durch die Polizei. Helnwein lehnt die künstlerische Traditionder bürgerlichen Gesellschaft ab, setzt auf die Demokratisierung der Kunst durchVervielfältigung und gleichsam auf die Kraft der kontraästhetischen Trivialkunst. 1973erscheint Helnweins erstes Aufsehen erregendes Titelbild zum Thema Selbstmord inÖsterreich für das Wiener Polit- und Kulturmagazin Profi. Dies steigert seineBekanntheit. Helnwein instrumentalisiert auflagenstarke Illustrierten, um Themen, wieFolter, Verletzung und physischer Gewalt eine Stimme zu geben. GroßstädtischePlakatwände und die Posterindustrie der Jugendkultur füttert er mit Psychoschocks.Parallel hierzu erscheinen über die Jahre hinweg eine Reihe einfühlsamerFotoportraits, sog. Faces, in denen Helnwein persönliche Einblicke jenseits desStarkults verschiedenster Berühmtheiten, so Rockstars, wie Mick Jagger und KeithRichards, Künstler wie Andy Warhol (Abb. 4) und Roy Lichtenstein, Schriftsteller, wieCharles Bukowski, Politiker, wie Willy Brandt und Filmregisseure, wie Billy Wilder bisLeni Riefenstahl, liefert. Weiterhin entstehen gemalte Bilder von Idolen derKonsumkultur, so von Udo Jürgens, Peter Alexander, Hans Krankl, Niki Lauda, MickJagger, Joseph Beuys u.a. Diese weisen kleinste, erst auf den zweiten Blickerkennbare, ironische Übertreibungen auf, hierin manifestiert sich Helnweins Vorliebefür Doppeldeutigkeit. Dies ist allerdings nur eine weitere Facette seines Schaffens,richtig fassbar ist Helnwein in all seiner Vielschichtigkeit nur schwer. Helnweins Werkist der Konzeptkunst zuzuordnen, er verwendet neben dem vordergründigangewandten Hyperrealismus in an Ironie grenzender Übertreibung auch durchausReminiszenzen an die Malerei der Romantik. Helnwein kommuniziert mit demBetrachter seiner Bilder, indem er auf Stilmittel, wie den Realismus in Kombinationmit Comic, zurückgreift. Durch neue, unbekannte Gegenüberstellungen kannHelnwein hier eindringlich und gleichsam subtil Tabuthemen und Katastrophen, wieKriege, Vergewaltigung, oder auch den Faschismus, ansprechen, konkretisieren undthematisieren.Dabei wird das Bildgeschehen in großen, oft mehrteiligen Bilderndramatisch inszeniert. Durch zahlreiche Berichte erlangt Helnwein schnell großeBekanntheit und 1985 hat er seine erste Ausstellung in der renommierten Albertina.Im gleichen Jahr schlägt ihn sein Professor als seinen Nachfolger für die Leitung derMeisterklasse für Malerei an der Akademie der bildenden Künste Wien vor, jedochfindet der Vorschlag im Kollegium keinen Konsens. Ende der 1980er Jahre beginntHelnwein installativ zu arbeiten und bezieht den öffentlichen Raum mit in seineArbeiten ein. 1985 zieht Helnwein mit seiner Familie nach Deutschland, hier lebt undarbeitet er bis 1997 auf dem geschichtsträchtigen Schloss Burgbrohl in der Eifel.Entstanden vorher eher kleinformatige Arbeiten, malt Helnwein nun großformatigeÖlbilder. 1997 geht er mit seiner Familie nach Südirland, lebt und arbeitet seither inCastle Gurteen de la Poer, einem Anwesen aus dem 19. Jahrhundert. Im Jahr 2002kommt dauerhaft ein Atelier in Los Angeles hinzu. 2004 erhält Helnwein die irischeStaatsbürgerschaft und lebt und arbeitet seitdem abwechselnd in Irland und in LosAngeles.
Schon für seine Aufnahmeprüfung an die Akademie der Bildenden Künste Wien1969 entsteht ein Aquarell mit dem Titel Osterwetter (Abb. 1), das einblutüberströmtes Kind zeigt. Das Thema des verwundeten, wehrlosen Kindes istseitdem in Helnweins OEuvre konstant präsent, fast obsessiv, vertreten und steht imZentrum seines Schaffens.1979 liest Helnwein im Kurier ein Interview mit dem Gerichtsmediziner HeinrichGross, der zugibt, während der Zeit des Nationalsozialismus hunderte von Kinderndurch Injektionen getötet zu haben, man habe den Kindern Gift ins Essen gegeben.Daraufhin veröffentlicht Helnwein in dem Wiener Nachrichtenmagazin Profil einAquarell mit dem Titel Lebensunwertes Leben (Abb. 2). Dies zeigt ein über seinemEssen tot zusammengebrochenes Kind, begleitet von einem offenen Brief an denEuthanasiearzt Groß. Nun hat Helnwein sein Thema gefunden: das Kind. Er selbstnähert sich dem Thema auch über gerichtsmedizinische Fotos von Kinderleichen.Der Künstler stellt sich empathisch auf die Seite der Schwachen und der Opfer. Erzeigt Kinder, die durch Blut und Bandagen gezeichnet sind, uns wissend undprophetisch entgegenblicken, Schmerz, Elend und Albträume vorausahnend. Dabeihandelt es sich um die Auswüchse einer verbrecherischen, manipulativenGesellschaft, dieser hält Helnwein, in den 80er Jahren als Schockmaler von Wienbezeichnet, den Spiegel vor.In erster Linie sind die Kinder, in einem Alter zwischen Kindheit, Pubertät undErwachsenem, in den Bildern Gottfried Helnweins „Katalysatoren seinerkünstlerischen Vorstellungen“ 2, Stellvertreter für den wehrlosen, abhängigen undausgelieferten Menschen. Als Modelle fungieren anfangs oft die eigenen Kinder,später seine Enkelkinder, die Szenen werden im Atelier gestellt und fotografiert. DasKind im Bild übernimmt bei Helnwein inhaltlich eine Märtyrerrolle. Bandagen stehenfür unsichtbare Verletzungen, Helnwein inszeniert das Kind als Opfer, zeigt es blindgegenüber der Realität, in den frühen Arbeiten meist durch Verstümmelungen undNarben entstellt. Später dann in großformatigen, hyperrealistisch gemalten Bildern inauratischer, unfassbarer Schönheit. Helnwein reagiert mit seinen Kinderbildnissenauf zentrale gesellschaftliche Tabuthemen, beispielsweise den Kindesmissbrauch,neuere Arbeiten befassen sich mit den Themen Krieg und Gewalt. Die WerkgruppenThe Disasters of War (Abb. 5-7), eine seit 2007 bis heute fortgesetzte Werkgruppeund Murmur of the Innocents (Abb. 8) thematisieren Kinder in Militäruniformen, teilsbewaffnet, teils mit Verbänden und blutenden Wunden. Diese Darstellungen habenAktualitätsbezug, sie zeigen, wie Kinder Opfer von Ideologien werden, lassen auchan Selbstmordattentäter, oder an jugendliche Amokläufer, denken. Helnwein siehtsich als Hüter des kollektiven Gewissens, seine Kunst ist sein Werkzeug, sichpolitischen, gesellschaftlichen und auch historischen Themen zu nähern, dieÖffentlichkeit und die Welt damit zu konfrontieren. Dabei entfernt er sich von derIdealvorstellung des sorglosen, unschuldigen Kindes und schafft eine gänzlichandere Bilderwelt: die des physisch und emotional leidenden Kindes. Helnweinkommuniziert durch seine Bilder: Das Kind fungiert als Metapher, es zeigt diegesellschaftlichen Verwerfungen auf, das Chaos der emotionslosen Welt. Demhyperrealistischen Bild wohnt eine große suggestive Kraft inne, Helnwein schafft eineAmbivalenz aus Schönheit und Grauen, der Betrachter fühlt sich gleichzeitigangezogen und abgestoßen.Die virtuose Ausführung der Bilder, ihre brillanteMaltechnik, die subtile Ausführung und altmeisterliche Lichtführung im Chiaroscurosteht in krassem Widerspruch zu den Bandagen und dem Blut. Die Bilder erzählenkeine Geschichten, sondern verankern sich im Gedächtnis, sie fordern Antworten ein.Helnweins Arbeiten wirken wie Portraits, müssen aber verallgemeinernd gesehenwerden. In ihrer drastischen Darstellung übersteigern sie das Vorstellbare: Es gibtAndeutungen, keine Gewissheiten, Spannung und Geheimnisse, aber auch Gewaltstimulieren die Vorstellungskraft des Betrachters. Helnweins Kunst hat eine visionäreKraft, sie scheint der Wirklichkeit vorauszueilen, so malt Helnwein bereits in den 70er Jahren ein Mädchen mit Maschinenpistole. Aufsehenerregende und provozierendeAktionen, z. B. die Installation The Last Child 2008 in der City of Waterford in Irland,oder 2018 I Saw This, ein riesiger, 4000 qm großer Digitalprint am Ringturm in Wien(Abb.9), in prominenter Lage am Donaukanal, das ein Mädchen mit Maschinenpistoleund auf der Rückseite eine brennende Stadt zeigt, belegen die Eindringlichkeit seinerkonzeptuellen Arbeiten.
Bereits während seines Studiums gibt es aktionistische, happeningartigeSelbstdarstellungen mit Verletzungen und Bandagierungen des eigenen Körpers.Erste Selbstbildnisse entstehen im Jahr 1972 und sind eines der zentralen Themenin Helnweins Werk. Hierbei handelt es sich um nonverbale Botschaften, die aus einerinneren Notwendigkeit heraus entstehen. Helnwein übt in den Selbstbildnissenmassiv Gesellschaftskritik und verweist gleichzeitig auf das Ausgeliefertsein. Er lehntsich gegen etablierte Strukturen auf, es sind Anklagen an eine apathische undgleichgültige Gesellschaft. Die methaphorischen Selbstportraits mit verbundenemKopf, den von Wundklammern gehaltenen Augen und dem aufgerissenen,schreienden Mund stehen in der spätmittelalterlichen Tradition desSchmerzensmannes. Auch gibt es thematische Bezüge zur österreichischen Kunst,beispielsweise Egon Schliele, Arnulf Rainer und Hermann Nitsch, deren WerkVerletzungen, Schmerz und Tod am eigenen Körper, beinhaltet. Helnweins Bilderfungieren als Mahnmale, sind Projektionsflächen des Weltgeschehens, ohne sichdirekt auf den Künstler selbst zu beziehen: Die Selbstbildnisse stehen für denleidenden, verletzten, unterworfenen, gefolterten Menschen, dem nur noch derverzweifelte Aufschrei bleibt. Hier nimmt der Künstler eine Doppelrolle ein, er istgleichzeitig Opfer und Täter.1982 erscheint als Titel des Zeit Magazins Nr. 11 ein Selbstportrait Helnweins (Abb.10) mit der Coverstory Der Schocker von Wien. Hier schreibt der Autor Peter Sager:"Warum malt einer so, warum malträtiert er sich so in seinem Selbstportrait: den Kopfbandagiert, Wundhaken in die Augen gebohrt, den Mund weit aufgerissen zu einemwahnsinnigen Schrei. Ein Schrei des Schmerzes und des Schocks, der Angst, desEntsetzens, der Aufschrei eines Gequälten und Geblendeten. Es ist ein Echo jenerSchreie überall auf der Welt, die weit schrecklicher sind als dieser, der Schrei derKunst." Im gleichen Jahr erscheint das Selbstbildnis auch als Cover der ScorpionsLP Blackout (Abb. 11), beides trägt entscheidend dazu bei, dass Helnwein auchinternational bekannt wird. Heute sind seine Selbstportraits, Aufschrei und gleichsamAnklage an die Gesellschaft, Ikonen des 20. Jahrhunderts.
Eines der Hauptwerke und Schlüsselbilder Gottfried Helnweins zum ThemaNationalsozialismus ist das Bild Epiphany I (Abb. 12), das er in verschiedenenVarianten gemalt hat. Es orientiert sich stark an der christlichen Ikonographie unddamit an den traditionellen Bildern der Geburt Christi. Hier bedient sich Helnwein derreligiösen Ikonographie, um geschichtliche Traumata aufzuzeigen, anzuklagen mitder Intention, aus der Geschichte zu lernen. Statt der Drei Weisen aus demMorgenland jedoch, die die Maria und das Jesusind flankieren, stehen hier fünfhochrangige SS-Offiziere in Uniform. Die Madonna entspricht ganz dem blondenIdealbild der Nationalsozialisten. Wir haben es hier mit einem ästhetisch überhöhten,inszenierten und überspitzten, sich an der Spätromantik orientierenden Andachtsbildzu tun, auf Archivfotos basierend und entsprechend verändert: Auf dem Originalfotostehen die Offiziere um Hitler, nun nimmt Maria mit dem Jesuskind diesen Platz ein.Man bewegt sich einerseits in einem Spannungsfeld von Faszination und Haß, aberhier geht es auch um Pietät und Respektlosigkeit. Es ist eine Paraphrase auf denFaschismus, ein Memento mori, das aufrütteln soll und aufzeigt: nichts ist, wie esscheint. Schönheit und Schrecken liegen dicht beieinander, das Heiligenbild erfährteine Bedeutungsinversion und mutiert zur Karikatur. Helnwein schafft in dem Bild dasschier Undenkbare: er vollzieht eine Gratwanderung zwischen geschichtlicherAufarbeitung eines traumatischen Themas mit ästhetisierenden Darstellungen. DerKünstler manipuliert durch die außergewöhnliche Eindringlichkeit den Betrachterdahingehend, dass er sich mit dem Bildinhalt eingehend auseinandersetzt. Auchheute noch provoziert das Bild, ruft beim Betrachter Gefühle, wie Erschrecken,Erschütterung, aber auch Unverständnis hervor. Eine weitere wichtige undbemerkenswerte Arbeit zum Thema Nationalsozialismus ist die zum 50. Jahrestagder Reichskristallnacht 1988 in Köln gezeigte Installation Selektion (NeunterNovember Nacht) (Abb. 13). Hier reihten sich zwischen Hauptbahnhof und MuseumLudwig in einer 100 m langen Wand überlebensgroße Kinderfotos. An dieserprominenten Stelle in Köln täglich von tausenden Menschen gesehen, wurdenbereits am zweiten Tag der Ausstellung einzelne Fotografien durch Schnitte an derKehle beschädigt.
In Helnweins Werk finden sich direkte Bezüge zur europäischen Kunstgeschichte,Themen, wie die Anbetung, entstammen der Rennaissance, seine Lichtführung,Dramaturgie und das Thema Gewalt, sind dem Barock entlehnt. Mythisch religiösaufgeladene Bildinhalte, die in geschichtliche Zusammenhänge gestellt werden undvor allem auch die Darstellung von Kindern, stehen in der Tradition der Romantik,auch wenn sich deren Darstellung bei Helnwein radikal von der klischeebehafteten,romantischen Kinderdarstellung entfernt. Der Moralist und Weltverbesserer Helnweinsetzt bewusst auf die suggestive Wirkung seiner Bilder, deren drastische Bildsprachesich in die Erinnerung eingräbt und in den Köpfen hängenbleibt. Eindringlich öffnet eruns die Augen: Helnwein inszeniert seine Bilder, sie wirken wie Filmstills und somanipuliert er auch den Betrachter. Seit 1997 beschäftigt er sich zunehmend mitGewalt und Krieg, spielt mit der Technik, die fotorealistisch gemalten Bilder wirkenwie Fotografie. Malerei erhält so eine dokumentarische, die Wirklichkeitübersteigernde, Qualität. Die sublime Schönheit der Kinder steht in starkem Kontrastzum Bildinhalt. Die offene Werkgruppe Disasters of War orientiet sich an Goyas 83-teiligen Zyklus Desastres de la Guerra, entstanden 1811/12. Helnwein schätzt Goya,besitzt sogar selbst Radierungen von ihm. Ebenso finden sich Anklänge an dieSchwarze Romantik, beispielsweise Johann Heinrich Füssli. Aber auch die Romantikist als Quelle auszumachen, so das Triptychon Das stille Leuchten der Avantgarde(Abb. 14) aus dem Jahr 1986, dessen Mittelteil sich an Caspar David Friedrichs BildGescheiterte Hoffnung, ein Synonym für Freiheit und Hoffnung, orientiert. Dieflankierenden Selbstportraits, blutüberströmt und bandagiert, verweisen auf dieeigene Position in der widersprüchlichen Geschichte der Kunst. Anlehnungen sindbei Helnwein nie eklektizistisch, sondern höchst eigenständig. Er bedient sich ihrerikonographischen Symbolkraft und definiert sie in neuem, zeitgenössischen Kontext.Helnweins Themen verweisen auf die Schattenseiten unserer Gesellschaft, Krieg,Gewalt, Grausamkeit und Unterdrückung. Seinen Bildern gehen Fotosessionsvorraus, aber er malt keine Fotografien ab, sie dienen ihm lediglich alsAusgangspunkt. Durch die fotorealistische Malerei erhalten seine Bilder eineveritable Bildaussage, wirken dokumentarisch, der Realismus steigert ihreGlaubwürdigkeit, auch wenn Helnwein mitunter den Fotorealismus mit der Collagekombiniert, wie beispielsweise im Bild The Man Who Laughs (Abb. 15), wo Hitler mitMickey Mouse vor den Trümmern einer Stadt erscheint, oder Disasters of War 19(Abb. 6), das ein Manga Mädchen im Irak Krieg zeigt und eine surreale, absurde undauch groteske Komponente beinhaltet. Beeinflusst von der Konzeptkunst, aber auchvon der Pop Art, treffen in seinen Bildern oftmals Figuren aus unterschiedlichstenWelten aufeinander, die zu einem disruptiven Bilderkosmos verschmelzen. In LosAngeles entsteht ab der Jahrtausendwende die Werkgruppe der großformatigenAmerican Paintings (Abb. 16). Diese sind durchdrungen von monumentalemFilmpathos. Der Übergang zwischen Realität und Fiktion ist in diesen Bildern diffus.Helnwein hält in seinen Bildern der Gesellschaft einen Spiegel vor. Durch ihre Drastikbei gleichzeitiger Überästhetisierung und der Kombination des Unmöglichen brennensich diese Bider geradezu in unser Gedächtnis ein und widersetzen sich demVergessen. Helnwein inszeniert seine Bilder, sie sind theatralisch ausgeleuchtet,monumental und von Pathos beseelt. Inhaltliche Kontraste zwischen überirdischerSchönheit und blutigen, bandagierten Verletzungen, oder Waffenattribute, wirkenverstörend, aufwühlend, aber auch anziehend. Helnwein bewegt sich auf demschmalen Grad zwischen Klischee und Tabubruch, er involviert den Betrachter undfordert dessen Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit vehement ein..
Bis heute polarisiert Gottfried Helnweins Kunst. Anfang der 70 er Jahre sucht er dieMassenmedien, um mit seinem Publikum in einen Dialog zu treten. Aus dieser Zeitstammen auch die zahlreichen Medienkooperationen. Seine Arbeiten finden sich u.a.auf den Titeln der Zeitschriften Der Spiegel, Stern, Time Magazine, L’Espresso,Rolling Stone und dem Zeit Magazin und erfreuen sich großer medialerAufmerksamkeit. Dank seiner drastischen Bildsprache erreicht Helnwein ein breitesPublikum. Der Künstler, der um die Distanz zum einzelnen Bild zu wahren, an bis zu20 Bildern gleichzeitig arbeitet (Abb. 17), ist ein Meister der Vielschichtigkeit undVieldeutigkeit. Kompromisslose Bildaussagen definieren seine hyperrealistischausgeführten Bilder, die mit feinsten Pinselstrichen ausgeführt sind. Der Betrachterist von der Ambivalenz der Bilder fasziniert, sie stoßen aber bisweilen immer nochauf Unverständnis und sogar Ablehnung. Durch das Stilmittel der Übersteigerung undKontrastierung kann Helnwein drastische Inhalte vermitteln. Extreme Emotionen, wieFaszination und Schmerz, Verführung und Lüge, brennen sich in das Gedächtnis desBetrachters ein. In Helnweins Kunst sind unterschiedliche Einflüsse auszumachen,so beispielsweise die von Francisco Goya, Caspar David Friedrich, aber auch MickeyMouse. Die Comicfiguren, die bis heute in Helnweins Kunst anzutreffen sind,verweisen meist auf die kindliche Phantasiewelt als Rückzugsort und haben einebefreiende Funktion: "Walt Disney ist zweifellos das große Genie des 20.Jahrhunderts, ein reinkarnierter Leonardo da Vinci, der größer und reiferwiedergekommen war, um das gewaltigste Gesamtkunstwerk aller Zeiten zuerrichten."3 Weltweite Ausstellungen und seine Präsenz in großen öffentlichenSammlungen, wie der Albertina in Wien, dem Museum of Modern Art in Los Angeles,dem Deutschen Historischen Museum, Berlin, dem State Russian Museum in St.Petersburg u.v.a., sowie in namhaften Privatsammlungen, wie z.B. der von ArnoldSchwarzenegger, Billy Wilder, Benedikt Taschen, Sean Penn, Nikolas Cage, BenKingsley, machen ihn zu einem der bekanntesten zeitgenössischen Künstler (Abb.18). Helnwein selbst interpretiert seine Bilder nicht, möchte verhindern, dass dieBilder hierdurch an Kraft verlieren, denn er intendiert die ungebrochene Empfindungund Ergriffenheit des Betrachters.
Manfred MöllerKünstler – Kritisches Lexikon der GegenwartskunstKünstler – Kritisches Lexikon der Gegenwartskunst ist ein periodisch erscheinendes Lexikon, das Künstler der Gegenwart vorstellt. Es wurde herausgegeben von Detlef Bluemler und Lothar Romain. Seit Romains Tod ist Bluemler alleiniger Herausgeber.GeschichteSeit Februar 1988 erscheint es in einem Rhythmus von drei Monaten und umfasst je Ausgabe die Arbeit von jeweils sieben Künstlern. Jedes Heft umfasst 16 Seiten über die Arbeit der Künstler und umfasst jeweils zwei Druckseiten persönlicher Äußerungen der Betreffenden. Ebenfalls gibt es je ein Künstlerporträt sowie drei Doppelseiten Abbildungen. Die Redaktion liegt bei Hans-Joachim Müller.
ABBILDUNGEN:Abb. 1: Osterwetter, Aquarell und Bleistift, 60 x 88 cm, 1969Abb. 2: Performance 70er Jahre: z.B. Aktion Sorgenkind, Fotografie, 1972 oderAllzeit bereit, Fotografie 1976Abb. 3: Lebensunwertes Leben, Aquarell, 72 x 72 cm, 1979Abb. 4: Fotografie aus der Serie Faces: Andy Warhol, 1983Abb. 5: Disasters of War 7, 2 Mischtechnik (Öl und Acryl) auf Leinwand, 199 x 281cm, 2007Abb. 6: Disasters of War 19, Mischtechnik (Öl und Acryl) auf Leinwand, 152 x 162cm, 2007Abb. 7: Disasters of War 47, Mischtechnik (Öl und Acryl) auf Leinwand, 150 x 122cm, 2015Abb. 8: Murmor of the Innocents 5, Mischtechnik (Öl und Acryl) auf Leinwand, 190 x320 cm, 2009Abb. 9: I Saw This, Digitalprint auf Vinyl, Installation Wien 2018Abb. 10: Selbstportrait, 1982 Titel Zeit MagazinAbb. 11: Cover der Scorpions LP BlackoutAbb. 12: Epiphany I (Anbetung der Könige 3), 244 x 250 cm, Mischtechnik (Öl undAcryl) auf Leinwand, 2013Abb. 13: Selektion (Neunter November Nacht), Installation Köln, 1989Abb. 14: Das stille Leuchten der Avantgarde, Fotografie, 400 x 120 cm, 19863 Gottfried Helnwein, Erinnerungen an EntenhausenAbb. 15: The Man Who Laughs, Mischtechnik (Öl und Acryl) auf Leinwand, 139 x 195cm, 2014Abb. 16: Dark Hour, Mischtechnik (Öl und Acryl) auf Leinwand, 96,5 x 152,5 cm,2003Abb. 17: Blick in Gottfried Helnweins Studio, z.B. Studio Downtown, LA, 2014Abb. 18: Ausstellungsansicht, z.B. Venedig mit Helnwein
ANHANG: AKTIONEN, EINZEL- UND GRUPPENAUSSTELLUNGEN, WERKE INÖFFENTLICHEN MUSEEN UND SAMMLUNGEN